Sonntag, 27. Oktober 2013

Mister X (Geschichten von Fremden)

Samstag Nacht. Die Lichter des Bahnhofes erhellen die Gleise in einem kühlen, bläulichen Licht. Ein paar alte Männer, mit ihren immer präsenten, ausgeblichenen Tweedmützen, unterhalten sich über Kultur und die letzten Lottozahlen. 

Eine junge Frau, welche sich mit dem Ärmel ihres billigen Buissness-Kostüms den Schlaf aus den übernächtigten Augen reibt, blickt hoch zu der grossen Bahnhofs-Uhr mit den Werbeschriften für Swatch und Rolex. Ein tiefer Seufzer und ihr Blick richtet sich wieder auf die Schuhspitzen, ihrer abgelaufenen Buisness-Pumps, welche sie noch von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, nach ihrem Abschluss der Wirtschaftslehre mit einer Sechsminus.

Etwas abseits der kleinen Menschenmenge drücken sich zwei Jugendliche, vollauf beschäftigt mit dem Erraten der Unterwäschemarken des Gegenübers, in eine dunkle Ecke und verpassen gerade ihren Zug. 

Ich muss zugeben, der Ausblick, welcher mir Mister X, von der Dachterrasse, gegenüber der Sprachschule am Bahnhof, gewährt, ist fantastisch, gerade zu amüsant.
Die kleinen Menschentrauben, die mir ihre Geschichten offenbahren, gemischt mit der Hintergrundkulisse des städtischen Bahnhofklischees.

Ob er öfters hier sei. 
Ja.
Ob er sich hier wohlfühle.
Ja.
Wieso er mir dies zeige.
Keine Ahnung.

Ich drehe mich wieder dem Geschehen zu, während mein rechter Arm kaum merklich nach unten sinkt, unter dem leichten Gewicht des neueingeschenkten Rotweins.

Ein Luftzug weht mir meine Haare ins Gesicht. Meine linke Hand wird kalt. 
Ein weiterer Zug fährt ein.
Das gedämpfte Geräusch der Bremsen bahnt sich den Weg, die Wand hinauf und lässt mich schaudern. Neue Menschen treten in mein Blickfeld. Die Buisnessfrau ist verschwunden.
Eine dunkle Gestalt, welche mit dem, von mir aus gesehen, rechten Bein leicht hinkt, greift sich im vorbeieilen die kleine Handtasche einer alten Dame, die sich  daraufhin sofort lauthals beschwert.
Keiner beachtet sie oder den hinkenden Mann.
Alle sind sie zusehr mit sich selbst oder ihren Smartphones beschäftigt.

Von weit entfernt klingen Kirchenglocken zu mir rüber. 
Ein Uhr fünfundvierzig. 

Mein Weinglas hatte sich geleert.

Der Zug fährt aus. Sein Lärm wird vom Rattern eines vorbeirauschenden Güterzuges überdeckt.

Ein weiterer Luftzug direkt an meinem Nacken. 
Eine Gänsehaut breitet sich über meinem ganzen, angespannten Körper aus. 
Ich drehe mich um, doch da ist nichts. 
Weniger als nichts.

Ich stehe vollkommen alleine auf der Terrasse mit meinem leeren Weinglas und dem viel zu grossen Jacket von Mister X über einer Schulter.

Dienstag, 8. Oktober 2013

Das Ende des Tadeos

Durch die, mit Pappe verdunkelten, Fenster zieht ein kalter Luftzug in den endlosen Gang vor dir. Das Gefühl eines Verfolgers im Nacken, gemischt mit dem Gefühl an der nächsten Ecke angefallen zu werden, lässt dich deine Schritte beschleunigen. Eine nackte Glühbirne über dir leuchtet dir den Weg auf dem befleckten Teppich, über welchem du dir eine Bahn durch Mülltüten und gebrauchte Spritzen freiräumst.
Wie du in dieses Gebäude gekommen bist weisst du nicht mehr und du ahnst, die Lösung des Ausgangs liegt ebenfalls in weiter Ferne.
Aus allen Zimmern dringt schwarze Musik und Geschrei von Kindern oder streitenden Erwachsenen. 
Du zuckst zusammen, als an der Innenseite der Tür zu deiner Linken, Porzellan zerschellt. 
Schweiss rinnt dir an deinem Kinn herunter und tropft dir auf deine schmutzige Kleidung von vorgestern. Paranoid wirfst du alle drei Schritte einen Blick über die Schulter, wie ein Schwimmer in seinem Rythmus.
Ein lauter Knall von rechts, brechendes Holz und ein harter Schlag gegen deine rechte Seite, lässt dich aufschreien und zu Boden reissen. Lautes Geschrei direkt neben deinem Ohr, einen Hieb in deine Rippen, erneutes Gebrüll und eine Frau, welche sich eben noch auf dir befand, zieht sich am Geländer der Wand hoch, rennt den Gang runter und entfernt sich, ohne ein weiteres Wort, aus deinem Blickfeld.

Immernoch liegst du am Boden. Den Blick zur Decke. 
Du wolltest nie so werden. Alles ging plötzlich so schnell. Die letzten Jahre sind dir nur noch verschwommen in Erinnerung. Die Drogen, der Alkohol und die vielen Zigaretten haben deinen Körper ausgelaugt. Deine Erlebnisse kannst du dir nicht mehr merken, deine Freunde rufen dich nicht mehr an. Zuviele Male hast du abgesagt, weil du in deinem Rausch nicht mehr zur Tür heraus wolltest. 

Es gibt keinen Halt mehr in deinem Leben. Du liegst nicht nur physisch am Boden. Du bist ganz unten angelangt. Dein Körper verachtend, hast du dein Spiegelbild mit blosser Faust zerschlagen. Keiner reicht dir die Hand, nicht einmal der Weg der Besserung scheint dir in Reichweite. 

Das Licht der Glühbirne, direkt über dir, beginnt zu flackern. Deine roten Augen sind weit aufgerissen und trotzdem beinahe blind. Der rostige Geschmack von Blut läuft dir von der Nase in den Mund.
Vielleicht wohnst du sogar in einem dieser Apartments. Vielleicht sind das deine Nachbarn, welche du durch die dünnen Wände hörst. Vielleicht macht sich noch jemand Gedanken über dich. Vielleicht sucht noch jemand nach dir. Vielleicht will dir tatsächlich noch jemand helfen.
Vielleicht hast du es nur vergessen.

Vielleicht bildest du dir auch nur alles ein, und du liegst in Wahrheit unter einer Brücke oder am Strassenrand des nahen Städchens.
Vielleicht hast du die Kontrolle schon seit langer Zeit verloren. Die Kontrolle über Gedachtes, über Erlebtes, über Geschehenes und zum schlimmsten, über das Hier und Jetzt.
Doch deine Kraft ist am Ende. Deine blutunterlaufenen Augen schliessen sich langsam. Dein Mund wird trocken und dein Kopf taub.

Deine letzten Gedanken gelten dir selbst. Sie gelten der einzigen Erinnerung, die du noch hast. Die Erinnerung an deinen Traum in der Vergangenheit. 
Die verzogenen und flimmernden Bilder einer Zukunft.