Er liebt mich. Er liebt mich nicht. Sie liebt mich. Sie liebt mich nicht.
Man kennt das Margeritenspiel. Eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass im heutigen Zeitalter der Möglichkeiten und der Wahrscheinlichkeitsrechnung, immer noch so viele Leute ihr Liebesglück an einer kleinen Blume abzulesen versuchen. Ich meine, denken die wirklich, dass die Blütenzahl einer zufällig gewählten Margerite von der Relation zweier Menschen abhängt? Jeder weiss, dass es keinen Sinn macht eine unschuldige Margerite zu rupfen und trotzdem machen es die Menschen auf dem ganzen Planeten.
Was, wenn eine Person gerade damit beschäftigt ist eine Margerite auseinander zu nehmen um herauszufinden ob die vergangene Verabredung, die schon seit drei Wochen nicht mehr schreibt und bestimmt nur die Nummer verloren hat, sich doch für sie interessiert und davon abgelenkt ihre grosse Liebe nicht bemerkt, die gerade gegenüber von ihr auf einer Parkbank Blickkontakt aufzubauen versucht.
Doch wieso machen wir es uns eigentlich so schwer? Wieso fragen wir nicht ganz einfach nach der Situation? Wieso wollen wir nicht auf die Ratschläge der Bekannten, die uns die Antworten auf all unsere Blümchenfragen geben zu können glauben?
Weil wir die Antwort bereits kennen.
Tief in unserem Inneren spüren wir es bereits, doch sind viel zu geblendet von der Möglichkeit, tatsächlich einmal das Nirvana zu erreichen. Tatsächlich einmal verliebt zu sein. Wir beginnen uns in die Liebe zu verlieben.
So beginnen wir jedes Wort des/der Angebeteten abzuwägen und versuchen zwischen den imaginären Zeilen zu lesen. Wir nehmen beliebig die Sätze auseinander und basteln sie danach, mit viel Mühe und nach allen Regeln der Kunst, wieder zusammen, wie wir sie doch eigentlich gerne hätten.
Mit diesen geklebten, zusammengetragenen, meist der Wahrheit fernen Eindrücken malen wir uns ein Bild der Situation.
Da die Gesellschaft, heute wie früher, allgemein lieber gute Nachrichten erfährt als schlechte, beginnt das Spiel mit der Hoffnung. Wir hoffen ganz fest, dass der/die Angebetete das Bild, in das wir viel Arbeit und Mühe gesteckt haben, einhält.
Um dem nachzuhelfen beginnt ein Phänomen: Wir entwickeln die überaus bemerkenswerte Gabe uns selber anzulügen.
Ich finde es faszinierend, wie jemand so geblendet sein kann, dass er, im übertragenen Sinn, tatsächlich sich selbst einreden kann, dass fünf plus zwei achtzehn gibt.
Phase "rosa Brille" wird eingeleitet.
Das Verliebtsein beginnt mit dem Nagel in der Wand des imaginären Schlafzimmers, womit wir unser wunderschön gebasteltes Bild dann in einem perfekten Rahmen aufhängen.
In den nächsten Wochen, meist sind es drei bis fünf, entwickeln sich die Personen zu siamesischen Zwillingen, die jeden Satz des anderen beenden, jeden Atemzug teilen und dem Rest der Welt auf die Nerven gehen.
Als hätte man es ahnen können, kommt man sich dabei näher, was zur längst ersehnten Befriedigung führt, doch auch Charaktereigenschaften und Angewohnheiten des anderen ans Licht kommen lassen.
Wenn man lange auf ein farbiges Papier starrt, und man danach das Blatt mit der Realität austauscht, erscheint uns die Welt in den Komplementärfarben. Genauso ist es auch, wenn man die rosa Brille abgerissen bekommt. Man muss sich erst wieder klar werden, dass fünf plus zwei nicht achtzehn ergibt. Die nächsten Tage kann es sein, dass sich der Gemütszustand lieber Richtung Keller orientiert, anstatt auf dem vorherigen Level zu bleiben. Wenn man jedoch, trotz der offensichtlichen und jetzt auch wahrgenommenen Fehler des Anderen, sich ein zweites Mal in die Person verliebt, dessen Bild mit samt Rahmen, von Scherben umringt, auf dem imaginären Schlafzimmerboden liegt, der entpuppt sich entweder als Glückspilz des Jahres oder als Opfer irgendeines Karmas.
Denn überlegen wir mal ganz rational: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir an eben jene Person geraten sind, die sich auch ein zweites Mal in uns verliebt?