Sonntag, 22. Dezember 2013

Die Sicht des Beobachters

Die leeren Flaschen des Alkohol-ABC's, auf dem kleinen Tisch, eines unbekannten Klubs, drehen sich schneller, als je zuvor. Die Masse um mich herum tanzt und grölt die Texte, der in Vergessenheit geratenen Musikstücke, genauso falsch nach, wie ihre aktuelle Sicht in die Jetztzeit.

Niemand denkt nach über Fehler, Konsekuenzen oder Morgen. Niemand und dieser Niemand bin ich. 

Unter alkoholiserteren Umständen hätte ich der Zwilling der Gruppe sein können. Doch ich war der Niemand, der nachdachte.

Ich denke nicht über das Wenn und Aber nach. Ich bin mir nicht einmal sicher, tatsächlich klar zu denken, denn meine Gedanken schweifen immer wieder ab.
Sie schweifen ab und landen, schlussendlich, doch beim Abschätzden der Situation.

Wie in Zeitlupe sehe ich die verschwommenen Gestalten. Immer wieder klirren Gläser aneinander. 
Ich lächle über den Zustand, die Situation, die glücklichen Gesichter.
Ich werde nicht bemerkt, denn ich drehe mich nicht, ich tanze nicht, ich bin nicht in der gleichen Situation, in ihrer Zeit, ihrem Raum der Wahrnehmung.

Die Blonde Schönheit, mit den langen, schlanken Beinen, die in der Mitte ihre Tanzkünste vorführt, wird von einem jungen, ebenfalls attraktiven Mann in der Ecke beobachtet. In wenigen Minuten werden beide das Lokal verlassen.
Ein betrunkener Rockstar mit verwischter Fassade bahnt sich gerade eilig den Weg zu den Toiletten frei. Er würde für die nächste halbe Stunde nicht mehr in mein Blickfeld treten. 
Eine kleine Menschentraube bildet sich an der Bar. Geschätzt acht Studenten beider Geschlechter, hatten die Happy Hour bemerkt und schmecken nun, die Verzückung des billigen Alkohols, auf ihren Lippen.
Zwei kräftig Gebaute Glatzenträger fangen in einer Ecke gerade Streit an. 
Eine Gruppe zu junger Mädchen sitzt um einen Tisch, der sonst nie besetzt würde und nippt synchron an ihren Cosmos, welche ihnen nicht schmecken.

Ganz alleine sitze ich zu dritt auf einer der wenigen Sitzgelegenheiten. Ich habe keine Ahnung mehr, was um mich herum geschieht. 
Ich habe meine dritte Serviette vollgeschrieben, ohne zu merken, meine Hand bewegt zu haben.

Es ist seltsam zu Beobachten. 
Ich hätte die junge Frau auf der Tanzfläche sein können. Ich hätte zu den Studenten gehören können. Ich hätte eine der Pinkfraktion, am nie besetzten Tisch, sein können. 
Ich hätte jeder Körper sein können. Jede Situation spielen und jeden Gedanken der Person denken können, hätte ich mich darauf eingelassen. 
Doch alles wirkt fremd, fast plastisch. 

Ich leere mein Glas. Der Gin wärmt mich auf der Stelle.
Ich stehe auf und bahne mir den Weg zum Ausgang. Die blonde Schönheit und ihr Begleiter, verlassen gerade den Klub.
Ein Lächeln, gemischt mit einem letzten verstörten Blick in den Raum, trete ich nach draussen in die kühle, dunkle Nacht.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Das Leben

Die feine Teetasse in der rechten, zitternden Hand, streift mein Blick über den verwilderten Garten, vor meinem Haus.
Der warme Wind weht mir meine, immernoch dichten, weissen Locken in mein müdes, altes Gesicht. Die Falten, die sich über die Jahrzehnte auf meiner Haut gebildet hatten, wirken wie eine Landkarte, der gefühlten Emotionen, meines Lebens.

Wie ein schwacher Geist, sehe ich mich selbst, in diesem Garten. Wie meine Füsse durch die wilden Gräser streifen und die Sonne auf meine weisse Haut strahlt.

Ich senke den Blick und nehme einen kleinen Schluck des heissen Tees.
Früher hatte ich Tee nicht gemocht. Ich wollte mir nie die Zeit, die so kostbar zu sein schien, nehmen, um mein Leben, nur schon für ein paar Minuten, anzuhalten.
Der Duft, der frisch aufgebrühten Pfefferminze steigt mir in die Nase und ich schliesse, mit langsamen Lidern, meine Augen.

"Komm!" Ich vernehme meine eigene, jugendliche Stimme. Vor meinem inneren Auge nehme ich die Szenerie wahr. Ich war siebzehn. Ich sehe, wie ich mich, mit einem Lächeln, welches vor Glück und Lebensfreude, nur so strahlt, im Kreis drehe. Meine blonden, leuchtenden Locken wirbeln mir um das Gesicht, mit meinen roten Lippen und Wangen.

Ein junger Mann tritt in das Blickfeld. Sein breiter Rücken und die dichten, dunklen Haare, lassen mich lächelnd erinnern.
Mein bester Freund.

"Du bist so lahm! Komm schon! Sei fröhlich!" Ich drehe mich immer weiter im Kreis, mit ausgestreckten Armen, als wolle ich die ganze Welt umarmen.
Mit einem belustigten Lächeln folgt er mir. Mein Freund. Mein treuer Begleiter.

Seine ruhige, gelassene Ausstrahlung gab mir das Gefühl von undurchdringbarer Sicherheit.
Ich wusste, egal wie schnell ich mich zu drehen beginne, wenn ich falle, ist er da und fängt mich auf.

Es gab nichts, was ich ihm nicht hätte erzählen können. 
Er war nicht der beste Ratgeber. Doch ich wollte keinen Rat. Ich wollte alle Fehler machen. Ich wollte nur, dass mir jemand zuhört.
Er hörte mir immer zu. 
Er war immer für mich da.

Auch wenn ich weinte und keinen Ausweg sah. Auch wenn ich mich in meinem Bett verkroch. 
Er war da.
Er wollte mich nicht nach draussen zerren. 
Er legte sich neben mich und hörte zu. Bis ich einschlief.

Noch heute schüttel ich lächelnd den Kopf darüber, wie er es wohl geschafft haben musste, sich unter meinem Körper hervorzuziehen, ohne mich je dabei geweckt zu haben.

Sachte öffne ich meine, von Tränen verklebten, Augen. Ich weine nicht der Vergangenheit nach, denn ich bin glücklich. 
Glücklich, keinen Moment verschenkt zu haben und nicht bereuen zu müssen. Glücklich, gelebt zu haben. Glücklich, geliebt zu haben.

Und er hatte Recht. Jeder Tag ist neu und bereit, wundervolle Abenteuer zu bescheren.

Denn mein bester Freund hat mir gelehrt: Glücklich zu sein ist das Ziel und der Lebensweg führt uns, immer wieder aufs Neue, dahin. 
Im Prinzip müssen wir nur lernen, vorwärts zu laufen und ab und zu einen Blick über die Schulter zu werfen. 
Nicht umgekehrt.