Mittwoch, 22. Januar 2014

Mister X (Tee und Gebäck)

Zu den Klängen von Vivaldi's Vier Jahreszeiten, trete ich aus dem massiven, viktorianischen Haus. Die kalte Luft dringt sogleich durch meinen schwarzen Mantel und ich ziehe die Kordeln straffer.

Kinder schreien, Mütter stürzen sich auf den neuesten Klatsch und Tratsch der Nachbarn, während sich ihre Zöglinge gegenseitig zanken und schubsen.
Das Bild, welches sich mir bietet, wirkt zu den Klängen der Musik, wie ein Tanz.

In meiner Geschichte spielt jedoch meine Desitination einen wesentlich kleineren Faktor, als mein Ausgangspunkt.

Zwölf Stunden vor Jetztzeit.

Ich sitze alleine, auf einer Bank, im Irchelpark von Zürich. 
Ein Paar drängt sich neben mich auf die Sitzgelegenheit und beginnt die Wäschemarken des Gegenübers zu erraten, als würde ihr Leben davon abhängen.
Stört mich nicht.
Vivaldi's Sommer und ein Croissant haben bereits meine volle Aufmerksamkeit ergattert.

Ich beobachte die Menschenmasse die an mir vorbeizieht. Die vielen Gesichter, eins nach dem anderen.
Alle waren vollauf damit beschäftigt, in Mobiltelefone zu brüllen oder sich eine Kippe  an der anderen anzuzünden, während sie offensichtich, auf jemanden warten.

Keiner nimmt mich wahr.
Keiner, bis auf einen kleinen Jungen, der mich von Kopf bis Fuss mustert.
Ich wende meinen Blick ab, als er anfängt, mit seinem Zeigefinger, auf mich zu deuten und damit seine Mutter in Verlegenheit bringt.

Ein älterer Herr, ich schätze ihn auf fünfundsiebzig, tritt in mein Blickfeld und fällt, wenige Meter vor mir, auf die Knie.
Sofort lasse ich meine Verpflegung auf die Bank fallen und eile zu ihm.
Ich helfe ihm auf die zittrigen Beine.
Peinlich berührt bedankt er sich bei mir.
Ich will gerade wieder gehen, da packt er mich am Arm und dreht mich wieder zu sich um. 
Mit einem weiteren Dank, drückt er mir eine Karte in die Hand. Er lädt mich zum Nachmittagstee ein.
Ein wenig verwirrt sehe ich ihm nach und stecke mir die Karte in meine Jackentasche.

Pünktlich, fünf Minuten zu spät, hält mein Taxi, vor einem pompösen Haus, ein wenig ausserhalb der Stadt Zürich.

Ich bezahle den Fahrer und steige aus dem Fahrzeug, welches gleich wieder wegfährt.

Während ich, durch ein grosses Tor, näher an das Gebäude trete, nehme ich erst die enormen Ausmassen war. Ein Ost- und ein Westflügel, ein riesiger Brunnen und ein weitläufiger Garten, welcher, hinter dem Haus noch weiter verläuft, zieren das Grundstück.

Ich reisse meinen Blick los, und gehe die letzten Schritte zur Tür, wo ich, an einer langen Kordel, die altmodische Glocke, zum Erklingen bringe.

Ein Butler mitte Vierzig öffnet mir die Toren in ein Haus, mit hohen Räumen und jeder Menge Kunst, an den Wänden.

Der alte Mann sitzt bereits in einem, der vielen, bestickten Ohrensessel, des Salons und betrachtet, das Spiel des Feuers, im Kamin.

Ich setzte mich zu ihm und werde, sogleich mit einer Tasse heissen Tee's bedient.
Mein Gastgeber schweigt jedoch.
Ich tue es ihm gleich und betrachte ebenfalls die Flammen.

Das leise Klirren, der Tassen, die, auf die passenden Unterteller, aus Porzellan, abgestellt werden, ist das einzige Geräusch, das, während Stunden, zu hören ist.

Keine Unterhaltung, nur das Knistern des verbrennenden Holzes, zu unseren Füssen.
Ich frage mich, wieso ich hier bin.
Doch ich schweige, denn Mister X macht weder Anstalten, eine Konversation zu beginnen, noch mich anzusehen.

Nach zwei Stunden, vier Tassen, des köstlichen Tee's und sieben Holzscheite später, geleitet mich der Butler, ohne mit Mister X ein Wort gewechselt zu haben, wieder zu der schweren, geschnitzten Tür.

Mit einem festen Händedruck und der nächsten Einladung, trete ich nach draussen, an die frische Luft.

Wie aus einer anderen Welt erwacht, stolpere ich aus dem grossen Tor. 

Ich ziehe mir meine Kopfhörer wieder auf die Ohren und drücke auf Play.
Der Sommer endet gerade und der Herbst bricht an.


Ich werde Mister X wieder besuchen.
Mister X, der nie ein weiteres Wort mit mir wechseln wird.
Mister X, der mir, Besuch für Besuch, die Zeit geben wird, um nachzudenken.

Mister X, der weise Mann, der errötet, wenn man ihn wahrnimmt.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Mister X (Eine Erinnerung an Vergessenes)

Die feucht-heisse Luft in meinen Lungen, gemischt mit dem betäubenden Gefühl, der Ekstase, bewegt sich jedes Glied, meines bereits schmerzenden Körpers, im Takt zur Musik. 
Der grosse Andrang der Menschenmasse und die Einflüsse meines letzten Getränkes, lassen mich eingeengt und fliegend zur gleichen Zeit fühlen.

Ich strecke mich und lasse meinen Kopf in den Nacken fallen, um die kühlenden Tropfen, des leichten Sommerregens, auf meiner Haut, zu spüren. 

Die jungen Leute um mich herum sind mir unbekannt. Ich kenne niemanden. Das ist gut, denn ich möchte selbst nicht gekannt werden. Ich möchte mich nicht unterhalten. Ein Aussenstehender würde mich nicht ansprechen. Selbst wenn, ich würde mich nicht darum kümmern.

Ich lasse meine Gedanken im Leerlauf. Ich schliesse die Augen und lasse mich einfach sein. Ich bin einfach. Ich denke nicht. Ich träume nicht.

Die Lichter blenden mir ins Gesicht und meine Pupillen verengen sich, trotz der geschlossenen Augen. 
Ein Regentropfen rollt mir über die rechte Wange, die Lichter gehen aus.

Ich öffne meine Augen. Meine Lider fühlen sich schwer an, als wäre ich aus einem tiefen Schlaf geweckt worden. 

Eine neue Melodie erklingt.

Die Scheinwerfer leuchten, mit der Intensität eines Blitzes, auf und da sehe ich ihn.

Er muss mich schon eine ganze Weile beobachtet haben, denn er lächelt. Ohne seinen Mund genau ausmachen zu können, bin ich mir sicher, dass er lächelt. 

Der Bass setzt ein.

Ich bemerke nicht, dass ich mich, seit den ersten Klängen, des neuen Liedes, nicht mehr bewegt habe. 
Ich stehe mitten in der Masse. 
Mein Schleier der Unsichtbarkeit war wie eine Blase um mich herum geplatzt. Ich werde wachgerüttelt, mit dem lautesten Geräusch, das es auf der Erde gibt. 
Die Stille.

Ich drehe mich Mister X wieder zu. 
Da ist niemand. Nur die unbekannten Leute, die ich mir selbst ausgesucht habe.

Vorsichtig versuche ich mich aus dem Gedränge zu befreien, das mir plötzlich zu dicht erscheint. Ellenbögen stossen mir in die Rippen. Immer wieder stolpere ich auf dem unebenen Boden, doch die Masse verhindert die Stürze.
Befreit aus dem Haufen schreiender und windender Körper, atme ich tief die Nachtluft ein. Ich fülle meine Lungen mit der belebenden Frische, als hätte ich seit Stunden nicht mehr geatmet.

Es regnet nicht mehr. 
Ich beginne zu frieren.
Mit dem Gefühl des Blickes von Mister X im Nacken und meinen Armen fest um meinem zitternden Körper, mache ich mich auf den Weg.