Mein Atem geht schwer, als ich nach dem nahen Ast greife, mich daran hochziehe, meinen rechten Fuss in die feuchte Erde ramme und mich mit aller Kraft in die Höhe stemme. Schritt für Schritt, Stück für Stück.
Ich richte mich auf, ich werde schneller, mein Atem stösst im Takt meiner Schritte aus meinen Lungen.
Ich vernehme wie jede Faser meines Körpers nach einer Pause schreit.
Ich überhöre es.
Die Haut unter meinen Fingernägeln spannt sich, als ich in den harten Waldboden greife und sich spitze Tannennadeln darunter bohren. Ich reibe die Erde, das Laub, die Nadeln in meinen Händen und lasse sie zwischen meinen Fingern wieder fallen.
Das Laub federt meine Schritte ab, meine Bewegungen sind beinahe lautlos.
Die Bäume lichten sich und ich wende mein geschundenes, zerkratztes, blutendes Gesicht dem Himmel zu.
Die Wolken sind tiefschwarz, ein ohrenbetäubender Donnerschlag dröhnt mir in den Ohren und aus der dichten, dunklen Decke über meinem Kopf, finden schwere Tropfen ihren Weg auf meinen Körper. Ich versuche mir den Dreck aus dem Gesicht zu waschen, das Blut von den Armen und Beinen zu reiben.
Die feinen Härchen an meinen Nacken stellen sich auf, ich kann fühlen wie sich die Kälte in meinem Körper breit macht.
Ich spüre meine Beine kaum noch, doch ich setzte einen Fuss nach dem anderen, zielsicher auf den glatten, riesigen Felsen vor mir.
Der Himmel ist jetzt so dunkel, dass ich die Hand vor meinen Augen kaum erkennen kann. Meine Finger zittern, der strömende Regen fliesst, in kleinen Bächen, in tausenden Spuren, an meinem Körper herunter, tropft mir von Kinn, Hände, Haare.
Ganz plötzlich falle ich. Ich falle hart auf Granit. Ich kann spüren wie es mir die Haut an meinen Knien aufreisst und ein pochender Schmerz zieht sich durch meine Beine.
Ein greller Blitz schlägt in den abgestorbenen Baum links von mir und ich kann für einen Bruchteil einer Sekunde meine Umgebung erkennen.
Ich finde die Kraft mich aufzurichten und weiter zu gehen. Der Weg wird flacher, ich kann mich beinahe ganz aufrichten und fasse mir an meinen schmerzenden Rücken, als könne ich mich selbst stützen.
Wenn du immer weiter gehst, dann kommst du ans Ziel, haben sie gesagt. Wenn du nicht aufgibst, dann wirst du es erreichen. Du wirst ankommen und Zufriedenheit wird dich empfangen.
Du darfst dich nicht verirren, dich nicht verwirren lassen, nicht vom Weg abkommen.
Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, versuche nicht zurück zu gehen, nicht umzudrehen.
Sie versuchten mir ein Ziel zu geben, einen einfachen Weg, es wäre ein Spaziergang, haben sie gesagt. Keiner stellte es je in Frage, es wäre Bestimmung, haben sie gemeint.
Du wirst schon sehen wo du landest, wenn du links anstatt rechts gehst, wenn du schwimmst anstatt die Brücke zu nehmen, wenn du springst anstatt weiter zu klettern.
Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken und beginnt ein Loch in die Decke über mir zu reissen. Ich gehe die letzten Meter bis zu der Kuppel. Meine Hände sind nun ganz still, mein Atem ruhig und da sehe ich es.
Da gibt es noch mehr. Es gibt noch Meer, noch Berge, noch Wiesen.
Ich bin nicht hier um anzukommen.
Ich bin hier um weiter zu laufen, Schritt zu halten, zu rennen, zu weit zu gehen.
Ich bin hier um in einem Sturm zu wirbeln, zu fliegen, zu springen, von Brücken, von Klippen.
Ich bin nicht hier um zu überleben. Ich bin hier um zu leben.
Und dabei nicht drauf zu gehen.