Als Eva den Apfel von der Schlange annahm, hatte sie da Schwäche gezeigt? Oder den Mut sich einer Verführung hinzugeben? Im Prinzip ist die Frage als Einleitung nicht sehr öffnend. Wir wissen alle, wie das geendet hat.
Dies ist jedoch nicht die Geschichte einer Liebe. Es ist meine Geschichte einer Verführung, genauer gesagt, geht es mir um das Ende mit der Schlange.
Als ich an jenem Abend müde meinen Weg zum richtigen Gleis bahnte, konnte ich nicht ahnen, dass man, an einem derart grauen und verrauchten Ort, einen frischen Apfel angeboten bekommen kann.
Ich gebe zu, der Apfel war gelb, hatte die Form einer Banane und schmeckte auch danach, doch der rote Faden sollte sichtbar geworden sein.
Ich mag keine Bananen. Genauso wenig wie Schlangen, doch beides bot sich mir in einer schön verpackten Hülle an, inklusive roter Schleife.
Nie hätte ich gedacht, dass Mister X sich in Wiedergeburten auskennt, doch wie man hört stecken noch so einige Leute voller Überraschungen, denn er stand vor mir, aus Fleisch und Blut und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht.
Mein erster Instinkt war wegzulaufen, sehr mutig, ich weiss. Da ich in der Defensive jedoch um einiges schlechter bin als im direkten Angriff, entschied ich mich für die Offensive.
Ich hätte gleich wissen sollen, dass einer Schlange die Hand zu reichen, mag es noch so freundlich gedacht sein, mit einem tödlichen Biss enden kann.
Ich war zu abgelenkt von einem blendenden Lächeln, seinem betäubenden Duft und dem altbekannten Adrenalin, welches mir bei seinem Anblick stets in die Adern schiesst, dass ich das Gift nicht bemerkte, das sich bereits in meinem rechten Ringfinger befand.
Bald verlor ich den Überblick über das Gespräch und meine Gedanken. Ich war noch nie gut darin, die Kontrolle über die Situation zu behalten, wenn das Geschehen die Anwesenheit von Mister X beinhaltete, auch wenn man meinen sollte, dass mit der Zeit eine gewisse Übung hätte entstehen sollen.
Mister X erwies sich als charmant, ohne zu übertreiben, klug, ohne überheblich zu wirken und selbstsicher, ohne arrogantes Verhalten an den Tag zu legen.
Er zeigte mir alle seine Vorzüge, so dass es schien, als hätte er keinen einzigen Makel vorzuweisen.
Ich liess ihn nicht spüren, dass mir bewusst wurde, dass er mir ein Gift initiiert hatte.
Das Spiel hatte eine interessante Wendung genommen, denn ich erkannte nun, dass Mister X nicht fair spielte. Genauso hatte ich die Gewissheit, dass er dachte ich hätte keine Ahnung von seiner Manipulation.
Mit der Fassade eines vernebelten Verstandes und verzogener Wahrnehmung, liess ich ihn seine Paar Asse in der Hand ausspielen. Jeden einzelnen Moment auskostend, in dem er sich seiner Sache immer sicherer wurde. Ich liess ihm Zeit, spielte mit eigenen Gedanken eines Gegenangriffes, die ich dann wieder verwarf und verschaffte mir somit die Möglichkeit verschiedene Varianten zu kosten.
Fünf Minuten vor dem Ende des letzten Aktes, liess ich meinen Blick über sein Gesicht schweifen. Ich wollte jedes kleine Detail seines Antlitzes in mein Gedächtnis einbrennen, verschliessen, archivieren.
Meine Hand berührte seine Wange und Hals nur ganz sanft, als ich seinen Kopf behutsam zu mir hinunter führte. Langsam schloss er seine Augen. Unsere Lippen berührten sich so sanft, als hätte man mit einer weichen Feder darüber gestrichen. Ein Biss, ganz leicht, in seine Unterlippe.
Ich löste mich von seiner Hand in meinem Rücken und liess ihn mit einem Siegeslächeln hinter mir stehen.
Mit dem ausgesogenen Gift infiziert. Mit den eigenen Waffen geschlagen. Mister X, der unbedingt unfair spielen wollte.