Samstag, 31. Oktober 2015

Wege und Ziele

Mein Atem geht schwer, als ich nach dem nahen Ast greife, mich daran hochziehe, meinen rechten Fuss in die feuchte Erde ramme und mich mit aller Kraft in die Höhe stemme. Schritt für Schritt, Stück für Stück.
Ich richte mich auf, ich werde schneller, mein Atem stösst im Takt meiner Schritte aus meinen Lungen. 
Ich vernehme wie jede Faser meines Körpers nach einer Pause schreit. 
Ich überhöre es.
Die Haut unter meinen Fingernägeln spannt sich, als ich in den harten Waldboden greife und sich spitze Tannennadeln darunter bohren. Ich reibe die Erde, das Laub, die Nadeln in meinen Händen und lasse sie zwischen meinen Fingern wieder fallen. 
Das Laub federt meine Schritte ab, meine Bewegungen sind beinahe lautlos.
Die Bäume lichten sich und ich wende mein geschundenes, zerkratztes, blutendes Gesicht dem Himmel zu. 
Die Wolken sind tiefschwarz, ein ohrenbetäubender Donnerschlag dröhnt mir in den Ohren und aus der dichten, dunklen Decke über meinem Kopf, finden schwere Tropfen ihren Weg auf meinen Körper. Ich versuche mir den Dreck aus dem Gesicht zu waschen, das Blut von den Armen und Beinen zu reiben.
Die feinen Härchen an meinen Nacken stellen sich auf, ich kann fühlen wie sich die Kälte in meinem Körper breit macht. 
Ich spüre meine Beine kaum noch, doch ich setzte einen Fuss nach dem anderen, zielsicher auf den glatten, riesigen Felsen vor mir. 
Der Himmel ist jetzt so dunkel, dass ich die Hand vor meinen Augen kaum erkennen kann. Meine Finger zittern, der strömende Regen fliesst, in kleinen Bächen, in tausenden Spuren, an meinem Körper herunter, tropft mir von Kinn, Hände, Haare. 
Ganz plötzlich falle ich. Ich falle hart auf Granit. Ich kann spüren wie es mir die Haut an meinen Knien aufreisst und ein pochender Schmerz zieht sich durch meine Beine. 
Ein greller Blitz schlägt in den abgestorbenen Baum links von mir und ich kann für einen Bruchteil einer Sekunde meine Umgebung erkennen. 
Ich finde die Kraft mich aufzurichten und weiter zu gehen. Der Weg wird flacher, ich kann mich beinahe ganz aufrichten und fasse mir an meinen schmerzenden Rücken, als könne ich mich selbst stützen. 

Wenn du immer weiter gehst, dann kommst du ans Ziel, haben sie gesagt. Wenn du nicht aufgibst, dann wirst du es erreichen. Du wirst ankommen und Zufriedenheit wird dich empfangen.
Du darfst dich nicht verirren, dich nicht verwirren lassen, nicht vom Weg abkommen.
Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, versuche nicht zurück zu gehen, nicht umzudrehen.

Sie versuchten mir ein Ziel zu geben, einen einfachen Weg, es wäre ein Spaziergang, haben sie gesagt. Keiner stellte es je in Frage, es wäre Bestimmung, haben sie gemeint.

Du wirst schon sehen wo du landest, wenn du links anstatt rechts gehst, wenn du schwimmst anstatt die Brücke zu nehmen, wenn du springst anstatt weiter zu klettern.

Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken und beginnt ein Loch in die Decke über mir zu reissen. Ich gehe die letzten Meter bis zu der Kuppel. Meine Hände sind nun ganz still, mein Atem ruhig und da sehe ich es.
Da gibt es noch mehr. Es gibt noch Meer, noch Berge, noch Wiesen. 

Ich bin nicht hier um anzukommen.
Ich bin hier um weiter zu laufen, Schritt zu halten, zu rennen, zu weit zu gehen.
Ich bin hier um in einem Sturm zu wirbeln, zu fliegen, zu springen, von Brücken, von Klippen.
Ich bin nicht hier um zu überleben. Ich bin hier um zu leben.



Und dabei nicht drauf zu gehen.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Eine Abrechnung (Die SBB und du)

Dein Kopf dröhnt, als du in den Schnellzug einsteigst.
Genervt blickst du dich im überfüllten Abteil um und findest schließlich, nachdem du dir gedanklich eine Notiz gemacht hast, die SBB zu verklagen, einen Platz gegenüber eines dicklichen Rucksacktouristen, eingeklemmt zwischen der Zugwand und einer Schwangeren, mitsamt Kleinkind auf dem Schoss.
Die Luft ist stickig und ein Schweißtropfen rinnt dir die Stirn hinab und landet auf deinen abgenutzten Jeans von vorgestern.
Den Höhepunkt deiner Übelkeit erreichst du, als dein reizendes Gegenüber ein belegtes Brot mit Käse aus einer Plastikfolie wickelt, dessen Verfallsdatum du, dem Geruch nach, auf den Tag schätzt, als deine Hosen noch keine Löcher hatten.
Mit bemerkenswerter Selbstbeherrschung schluckst du dein noch nicht Erbrochenes, mit dem Versprechen auf baldige, intimere Befreiung, hinunter und wendest deinen Blick von dem grazilen Geschöpf bei der Raubtierfütterung ab und richtest deine Aufmerksamkeit auf die blütenbestückten Sträucher, die an dir vorbeiziehen.
Deine Gedanken schweifen ab zur vergangenen Nacht.
Sie versuchen es zumindest, denn es fällt dir schwer aus den verschwommenen Schnappschüssen ein klares Bild zu erkennen und du gibst auf.
Es kümmert dich schon lange nicht mehr, dass du die Lücken in deinem Gedächtnis nicht füllen kannst.
Meist ist es dir die Mühe nicht mal mehr wert.
Du hattest schon beinahe die Chance einzunicken, doch das kleine Kind, mit den blonden Locken, auf dem Schoss deines persönlichen, hormongeschwängerten Schraubstocks, beginnt lauthals mit Klageliedern aus verfremdeten, fernen Ländern.
Kinder. Wie du sie liebst.
Die Chancen auf eine Flucht schätzt du gering ein, denn du fühlst dich wie der abgelaufene Käse aus der übel riechenden Mahlzeit des Wanderers und versuchst deine, durch pochende Kopfschmerzen verursachte Aggressivität zu bändigen.
Der Speisewagen rettet, sehr zu deiner Überraschung, deine Situation, denn die Mutter, welche genauso verzweifelt mit der Situation scheint, wie du, hofft auf eine Besänftigung ihres Schreihalses durch Nahrungsaufnahme und kauft eine kleine Packung Pistaziennüsse.
Du entscheidest dich gegen deine Prinzipien, an die Bahngesellschaft auch nur einen Franken mehr zu verschwenden, als unbedingt nötig und entscheidest dich, nach kurzem Zögern, für einen wässrigen Kaffee.
Dein bärtiges Gegenüber, das offensichtlich auch die Nerven zu verlieren drohte, stellte sich als nützlich heraus, denn er wechselt seinen Platz mit seinem Rucksack und beginnt, nun gegenüber der Frau ein Klatschspiel mit dem akustischen Störefried.
Du steckst deine Nase in den Becher mit Kaffee und sogar der unangenehme Geruch beginnt sich aus deinem Riechkolben zu verflüchtigen.
Ein kurzer Blick auf deine Casio Uhr, um die dich jeder Hipster beneidet, verrät dir, dass es sich nur noch um Stunden handeln könne, bis du in die Freiheit gelangst, da passiert, was zwangsläufig geschehen musste und du beginnst zu fluchen.
Das Kind schlug dir den Kaffee aus den Händen in dein Gesicht und über dein Lieblingsshirt von Nazareth.
Die Mutter beginnt bereits, nach etlichen Entschuldigungen, mit einer roten Serviette, die noch feuchten Flecken zu entfernen und reibt, in ihrer Liebesmüh, noch rote Papierfusseln in den Stoff.
Du ignorierst das Zupfen und Rubbeln an deinem Oberteil, stehst auf und steigst die Treppe hinunter vor die Schiebetür, an welcher einem in hundert Sprachen erklärt wird, dass man sich nicht anlehnen soll und tust es trotzdem.
Der Zug hält an. Du hast keine Ahnung wo du bist, doch die Tür öffnet sich mit einem lauten Zischen, du stolperst hinaus und übergibst dich auf Gleis vier.


Montag, 18. Mai 2015

Mister X (Pandas oder die Kunst zu schwimmen)

Meine Haare wehen mir in mein Gesicht, als der Zug auf Gleis sechzehn einfährt und mit quietschenden Bremsen zum stillstand gelangt. Einzelne Strähnen verfangen sich in meinen Wimpern und ich nehme die Welt durch einen leicht goldenen Schimmer wahr. Ich gehe mitten in einer Menschenmenge. Die Leute drücken sich an mir vorbei, es ist laut, es ist heiss. Hunderte von Gesichter ziehen durch mein Blickfeld, tausende Punkte fixierend, keiner davon bin ich. Zu meiner Rechten umarmen sich zwei Frauen in den Zwanzigern stürmisch. Ich trete einen Schritt beiseite, von ihnen weg, ich möchte die Szenerie nicht stören. Der Duft von frischem Kaffee und Düngungsmittel, der Schnittblumen zu meiner Linken, lässt mich meine Aufmerksamkeit von der grossen Uhr ablenken, deren Sekundenzeiger seit über fünf Minuten auf der Zwölf steht. Er wird auch noch die nächste Stunde seine Position unverändert lassen. Die Verkäuferin des Blumenstandes versucht gerade, mit Hilfe ihrer weiblichen Reize, einem Mann mitte vierzig, welcher offensichtlich verheiratet ist, Blumen für seine Frau zu verkaufen. Ich lächle über die Ironie der Verkaufsstrategie der jungen Frau. Der Mann, abgelenkt von einem weiten Ausschnitt, greift zu seiner Brieftasche und kauft ein Dutzend Rosen, zu sechsundvierzig Franken, für fünfzig. Der Mann entfernt sich, die Frau lässt seine Visitenkarte unauffällig in den dezenten Abfalleimer gleiten. 
Ein junges Paar, ihrer Kleidung und Taschen nach Studenten, stellt sich vor mich und beginnt, nach allen Regeln der Kunst, die Anzahl Zähne eines Homo Sapiens zu erforschen, ich beachte sie nicht weiter und stelle meinen Blick wieder auf eine entferntere Ebene scharf. 
Ich entdecke Mister X von weitem, bleibe jedoch stehen und beobachte, wie er zum vereinbarten Treffpunkt geht. Seine immer präsente Kapuze über den dichten Haaren, ein Kaffee in seiner Linken, sein Skateboard in der Rechten, bleibt er ein Paar Schritte vor mir stehen.
Für einen kurzen Moment verharre ich noch in meiner Nische. 
Mister X, der mich ins kalte Wasser gestürzt hatte, der mich mit seinem Charakter von Anfang an faszinierte. Mister X, der nicht wusste, dass Grönland existiert, der sich an kleinen Dingen erfreuen kann, die den meisten Leuten nicht einmal auffallen. Mister X, der mir meinen Verstand rauben konnte und mich gleichzeitig zum Nachdenken inspirierte. Mister X, ich trete einen Schritt vor, der mir zuhörte und mich zu verstehen schien. Mister X, der meinte ich sei, trotz meiner offenen Art, ein unlösbares Rätsel. Mister X, der keine Ahnung hat, welche Wirkung er auf mich und andere Personen hat. 
Mister X, der nun genau vor mir steht und nur einen Blick über seine Schulter werfen müsste, um mich zu sehen.
Ein Teil von mir möchte sich wieder umdrehen, in Deckung gehen, sich verstecken doch meine Neugierde begleitet von Faszination, ziehen mich instinktiv in seine Richtung.
Ich stehe vor ihm. Er lächelt. 
Mister X, der mich verführt, indem er sich selbst ist. 
Mister X, dem diese Bezeichnung nicht würdig ist.
Mister X, der nicht spielt, seine Karten nicht verdeckt, nicht zinkt.

Mister X, dessen Blick an diesem Ort nichts fixiert, nichts sucht, sondern findet.

Mittwoch, 22. April 2015

Träume, die Realität und ein bisschen Fantasie

Ich möchte diesen Eintrag nicht mit einer langen Einleitung beginnen, sondern gleich mit der Tür ins Haus fallen: Was wünschen Sie sich?

Jeder kennt diese Frage. Jeder hat diese Frage schon einmal gestellt und jeder hat sie schon einmal beantwortet.
Wenn man ein kleines Kind fragt, bekommt man Antworten wie: eine Hüpfburg, ein Pony oder ein neues Fahrrad, das mit dem rosa Glitzerlametta am Lenker. Und wenn sie dann tatsächlich ihren Wunsch erfüllt bekommen, strahlen sie über das ganze Gesicht und sind glücklich.

Ich habe mir eigentlich nie gross Gedanken über eben jene Frage gemacht, bis heute ein kleines Mädchen zu mir kam und mich, trotz des strengen Blickes der Mutter, einfach fragte, was mein grösster Wunsch sei.

Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was ich auf diese Frage antworten sollte.
Gefühlt ein halbes Leben starrte ich in die grossen, blauen Augen in dem pausbäckigen, runden Gesicht und brachte kein Wort über die Lippen. Die beschämte Mutter zog ihr unverblümtes Kind von mir weg, doch der Gedanke blieb. 
Da lernen wir die kompliziertesten Gleichungen, die unaussprechlichsten Fremdwörter und die kleinsten Atome der Welt in der Schule und eine simple Frage einer Sechsjährigen bringt mich so aus der Fassung?

Seit genau vier Stunden frage ich mich nun bereits, wann ich aufgehört habe mir Dinge zu wünschen. 
Ich kann mich noch erinnern, dass ich mir als kleines Mädchen immer gewünscht habe, die Heissluftballons am Himmel anfassen zu können. Ich hatte mir eine Strickleiter gebaut, um auf den grossen Kirschenbaum zu klettern, weil ich dachte, dass eines Tages bestimmt jemand tief genug fliegen wird, damit ich bloss den Arm auszustrecken brauche, um den seidigen Stoff zu berühren. Mit sieben wollte ich Superheldin werden, sprang von unserem Garagendach und wurde mit der Gravitationskraft bekannt gemacht, wobei ich mir beinahe den rechten Arm gebrochen hätte. Mit elf wünschte ich mir ein Tiger als Haustier und nannte meine Katze „Leo“, auch wenn dies eigentlich weniger Sinn machte. Mit vierzehn wollte ich die Welt umsegeln und sah beinahe eine Woche nicht mehr von meinem Grundkursbuch auf.

Wie kann es sein, dass ich nicht weiss was ich mir heute wünsche?
Klar, Superkräfte wären immer noch toll, doch ziemlich unrealistisch.

Ich denke, dass wir mit dem erwachsen werden aufhören uns Dinge zu wünschen. Wir hören auf von Dingen zu träumen, die unrealistisch sind. Doch sind wir damit glücklich? 
Ich werde jedoch nicht noch einmal aufhören zu träumen. Wir sollten uns ein Beispiel an den Kindern nehmen und wieder an etwas glauben, unsere Orientierung durch einen kleinen Traum wiederfinden und vielleicht werden wir unseren Traum nie verwirklichen, doch unsere Fantasie wird dadurch immer am Leben gehalten.



Donnerstag, 9. April 2015

Mister X (la décision)

Jeder kennt das Gefühl an einer Kreuzung zu stehen. Es gibt zwei Wege, die, in meinem Fall, beide genau in entgegengesetzte Richtungen zeigen. Rechts, links, richtig, falsch, Risiko oder Sicherheit. 
Ein Schritt, eine Richtung, eine Entscheidung. 
Wir treffen jeden Tag Entscheidungen, wir wählen, ja, wir haben die Wahl. Wer behauptet keine Wahl zu haben, sieht die Optionen nicht, versteckt sich oder ignoriert die Fakten. 
Vielleicht gibt es kein Richtig, kein Falsch. Es gibt nur den ersten Eindruck, der uns automatisch in eine Richtung lenkt, auf einen Pfad.

Um mich zu entscheiden mache ich keine Listen, kein Ordnen von positiven oder negativen Aspekten. Ich höre auf mein Gefühl, auf mein Herz und meinen Kopf. Meist sind sich die Parteien einig. Beinhaltet das Geschehen jedoch die Anwesenheit von Mister X, sind zumindest Verstand und Gefühl oft anderer Meinung. 
Wenn ich es überleben würde zweigeteilt zu werden, ich hätte es in Erwägung gezogen. Des Öfteren.

Hier stehe ich und schliesse die Augen um klarer zu sehen.

Mein Kopf sagt mir: Sicherheit. Es ist nicht ratsam sich in einen wilden Fluss zu stürzen, wenn man gerade erst wieder an Land gefunden hat. Es ist unvernünftig sich Hals über Kopf in etwas zu stürzen, dass einem keinen Halt geben kann. Das Risiko dabei zu ertrinken ist zu gross. Das Land ist nicht schlecht, es ist ruhig, es ist zuverlässig, kontrollierbar. 

Mein Herz sagt mir: Spring! Tauche ein in eine Welt voller Überraschungen, sei dein eigener Halt, denk nicht nach, sei mutig. Verändere alles, lass nichts unversucht, versuche zu schwimmen. Wer braucht einen Anker, wenn man Segel haben kann?

Und ehe ich mich versehe, wäge ich ab. Ich denke zu viel nach. Und da wird es mir klar. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Langsam öffne ich meine Augen. Ein Blick nach rechts, einen Blick nach links und ich laufe los. 
Ich verlasse meinen bisherigen Pfad. Ich beginne zu rennen. Ich habe mich entschieden.

Die Grashalme unter meinen Füssen biegen sich zur Seite. Ich spüre die feuchte Erde unter meinen Fusssohlen, den frischen Wind, der aus keiner bestimmten Richtung zu kommen scheint, meine Fingerspitzen, die die vorbeifliegenden Bäume streifen. Das Gefühl von etwas Neuem.
Mein Gefühl zeigte weder nach rechts, noch nach links. 
Es zeigte mitten ins Nichts. 
Mitten ins Alles. 
Mitten ins Abenteuer, auf einen Weg ohne Richtung.



In Schlangenlinien, ungezeichnet, unbeschrieben, doch nach vorn.

Samstag, 3. Januar 2015

Le moi & Happy New Year

Es gibt viele Dinge, die ich mag. Dazu gehören Vanilleeiscreme, der Duft von Lavendel, ungeplante Abenteuer, kaltes Bier, selbst Schokolade, worauf ich allergisch bin. Es gibt jedoch auch vereinzelte Dinge, die ich nicht mag. Eines davon beinhaltet bunte, grelle Lichtblitze und einen lauten Knall. Gewitter zum Beispiel oder wie in diesem Fall, Feuerwerk.

Ich hätte mich darüber freuen sollen, dass ich weder ein Faustschlag, noch einen Knall abbekommen hatte und nach einer kurzen Pause, in der ich den Himmel anschmollte, tat ich das dann auch. Ich begann, sehr zu meiner eigenen Überraschung,  an zu lachen. Darüber, dass ich enttäuscht war, keinen Knall gehört zu haben, dass ich beinahe achtzehn Jahre gebraucht hatte, um den einunddreissigsten Dezember unter freiem Himmel zu verbringen. Ich lachte darüber, dass ich trotz grosser mentaler Anstrengung, alle paar Sekunden meine Augen fest zukniff, darüber, wie lustig ich wohl ausgesehen habe, dass ich doch tatsächlich behauptet hatte, dass mich Feuerwerk verarschen würde und schlussendlich darüber, wie ich vollkommen alleine an Silvester durch die Strassen irrte und dabei lachte. 

Die Luft war schneidend kalt an diesem Abend und ich zog mir leicht fröstelnd meinen Schal über meine Nase und den rot geschminkten Mund. Vorsichtig setzte ich einen Fuss nach dem Anderen in den Schnee und hob meinen Blick Richtung Himmel, der mir schwarz und viel näher vorkam als in anderen Nächten. Ich strengte meine Augen an, die auf Distanz, in etwa so begabt waren, wie ein Wiesel, dass versucht einen Elfmeter zu schiessen, doch konnte keine Sterne erkennen. Hinter mir hörte ich das Lachen von Freunden, die ich kaum kannte, die über Themen diskutierten, von denen ich keine Ahnung hatte. Der Abend war eigentlichganz gut verlaufen, die Gläser waren immer voll und die Gespräche stets amüsant. 
Einzelne Haarsträhnen wehten mir ins Gesicht und kitzelten mich an meinen Wangen, während ich mich angestrengt an die einzelnen Namen, der, an der mitternächtlichen Szenerie beteiligten, Personen zu erinnern versuchte. Ich musste lächeln, als ich ein kleines Kind sah, welches, mit einer glitzernden Wunderkerze in der Hand, vor der Garage der Eltern tanzte und ein kleiner Hund dabei freudig um sie herum sprang. Ich schloss die Augen und ging den, vor meinem inneren Auge gespeicherten Weg weiter. Unter meinen Schuhsohlen sank bei jedem Schritt der Schnee ein wenig in sich zusammen und gab dabei ein knirschendes Geräusch von sich. Dies ist wohl auch eines der Dinge, die ich gerne mag oder um genau zu sein, automatisch mache. 
Ein nahes Zischen von der linken Seite liess mich innehalten. Ich hielt die Augen weiterhin geschlossen, doch hörte auf zu gehen und hielt den Atem an. Als ich klein war, hatte ich mich, um diese Zeit, immer im Keller versteckt. Ich konnte mich noch genau an das bunte Zelt erinnern, das ich mir jedes Jahr gebaut hatte, um mich vor dem Lärm zu verstecken, der draussen, am Himmel, bunte Muster in die Nacht zauberte, auch wenn dies keinen Sinn ergab. Ich bin jedoch kein kleines Mädchen mehr und trotzdem schliesse ich noch heute jedes Mal die Augen, wenn mir etwas zu laut ist.  
Ich wartete auf den lauten Knall, doch der blieb aus. Ich denke, diese Art von Feuerwerk mag ich am wenigsten. Ich bereite mich auf etwas vor, was ich selbst nicht definieren kann und das geschieht dann doch nicht. Ähnlich, wie wenn man reflexartig die Bauchmuskeln anspannt, weil man denkt, dass man eine Faust kommen sieht, die Person aber nur einen Fussel von deinem Pullover wegnehmen will. Es ist die Art von Feuerwerk, von der ich mich verarscht fühle.