Freitag, 21. November 2014

Mister X (Verführung)

Als Eva den Apfel von der Schlange annahm, hatte sie da Schwäche gezeigt? Oder den Mut sich einer Verführung hinzugeben? Im Prinzip ist die Frage als Einleitung nicht sehr öffnend. Wir wissen alle, wie das geendet hat.
Dies ist jedoch nicht die Geschichte einer Liebe. Es ist meine Geschichte einer Verführung, genauer gesagt, geht es mir um das Ende mit der Schlange.

Als ich an jenem Abend müde meinen Weg zum richtigen Gleis bahnte, konnte ich nicht ahnen, dass man, an einem derart grauen und verrauchten Ort, einen frischen Apfel angeboten bekommen kann.
Ich gebe zu, der Apfel war gelb, hatte die Form einer Banane und schmeckte auch danach, doch der rote Faden sollte sichtbar geworden sein. 
Ich mag keine Bananen. Genauso wenig wie Schlangen, doch beides bot sich mir in einer schön verpackten Hülle an, inklusive roter Schleife.
Nie hätte ich gedacht, dass Mister X sich in Wiedergeburten auskennt, doch wie man hört stecken noch so einige Leute voller Überraschungen, denn er stand vor mir, aus Fleisch und Blut und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht. 
Mein erster Instinkt war wegzulaufen, sehr mutig, ich weiss. Da ich in der Defensive jedoch um einiges schlechter bin als im direkten Angriff, entschied ich mich für die Offensive. 
Ich hätte gleich wissen sollen, dass einer Schlange die Hand zu reichen, mag es noch so freundlich gedacht sein, mit einem tödlichen Biss enden kann.
Ich war zu abgelenkt von einem blendenden Lächeln, seinem betäubenden Duft und dem altbekannten Adrenalin, welches mir bei seinem Anblick stets in die Adern schiesst, dass ich das Gift nicht bemerkte, das sich bereits in meinem rechten Ringfinger befand. 
Bald verlor ich den Überblick über das Gespräch und meine Gedanken. Ich war noch nie gut darin, die Kontrolle über die Situation zu behalten, wenn das Geschehen die Anwesenheit von Mister X beinhaltete, auch wenn man meinen sollte, dass mit der Zeit eine gewisse Übung hätte entstehen sollen.
Mister X erwies sich als charmant, ohne zu übertreiben, klug, ohne überheblich zu wirken und selbstsicher, ohne arrogantes Verhalten an den Tag zu legen.
Er zeigte mir alle seine Vorzüge, so dass es schien, als hätte er keinen einzigen Makel vorzuweisen. 
Ich liess ihn nicht spüren, dass mir bewusst wurde, dass er mir ein Gift initiiert hatte. 
Das Spiel hatte eine interessante Wendung genommen, denn ich erkannte nun, dass Mister X nicht fair spielte. Genauso hatte ich die Gewissheit, dass er dachte ich hätte keine Ahnung von seiner Manipulation.
Mit der Fassade eines vernebelten Verstandes und verzogener Wahrnehmung, liess ich ihn seine Paar Asse in der Hand ausspielen. Jeden einzelnen Moment auskostend, in dem er sich seiner Sache immer sicherer wurde. Ich liess ihm Zeit, spielte mit eigenen Gedanken eines Gegenangriffes, die ich dann wieder verwarf und verschaffte mir somit die Möglichkeit verschiedene Varianten zu kosten.
Fünf Minuten vor dem Ende des letzten Aktes, liess ich meinen Blick über sein Gesicht schweifen. Ich wollte jedes kleine Detail seines Antlitzes in mein Gedächtnis einbrennen, verschliessen, archivieren.
Meine Hand berührte seine Wange und Hals nur ganz sanft, als ich seinen Kopf behutsam zu mir hinunter führte. Langsam schloss er seine Augen. Unsere Lippen berührten sich so sanft, als hätte man mit einer weichen Feder darüber gestrichen. Ein Biss, ganz leicht, in seine Unterlippe. 
Ich löste mich von seiner Hand in meinem Rücken und liess ihn mit einem Siegeslächeln hinter mir stehen.


Mit dem ausgesogenen Gift infiziert. Mit den eigenen Waffen geschlagen. Mister X, der unbedingt unfair spielen wollte.

Sonntag, 14. September 2014

Mister X (Das Ende der Suche)

Das Rauschen des Meeres unter meinen Füssen, hallt die steilen Klippen hoch zu meinen kalten  Ohren. Der frische Wind weht mir meine dunkelblonden Locken ins Gesicht, meine weisse Bluse flattert im Wind. Wie in Zeitlupe berührt der Stoff meine Haut und verlässt ihn wieder, wie ein flüchtiger Kuss. Auf meinen nackten Armen kriecht mir die Gänsehaut, über den Rücken, zu meinem Hals und lässt mich jeden Luftzug wahrnehmen. Meine Wangen sind gerötet, mein Atem geht schnell, als wäre ich gerannt und nur kurz stehen geblieben, weil ich mich verirrt hatte. Seemöwen kreisen über meinem Kopf und segeln, singend zu ihrer eigenen Melodie, geschickt dem weissen Gestein hinunter, um auf der Kuppe des Leuchtturms zu landen. Der Leuchtturm, wie er Jahr um Jahr, Sturm um Sturm, Woge um Woge trotzt und den Seefahrern den Weg weist. Der massive, rot-weisse Turm, der mit seinem kreisenden Licht jede Geschichte für einen Sekundenbruchteil aufleuchten lässt. 
Ich spüre jeden Stein unter meinen Füssen, wie ich an der Klippe stehe und meinen Körper ausbalanciere, den es förmlich in die Tiefe zu ziehen scheint. Ein kleines Stück des Bodens unter meinem rechten Fuss bröckelt ab und ich rette mich mit einem Satz nach links. Ruhig beobachte ich wie die Steine an der Felswand abprallen und in die Tiefe stürzen, ganz klein, kann ich erkennen, wie die Wellen den kleinen, wehrlosen Teil der strotzenden, mächtigen Klippe verschlingen und an den Felsen zermahlen. 
Mein Atem wird langsamer. Eine tiefe Ruhe breitet sich in meinem Körper aus und lässt mich lächelnd in die Tiefe blicken. Die wärmende Sonne bricht durch die dichten Wolken, strahlt mit ganzer Kraft ihre leuchtenden Strähnen auf meinen Rücken. Meine Gänsehaut verfliegt in dem Moment, als ich das Spiel von Licht und Schatten auf meinen Händerücken betrachte, wie sie gekommen war. Die Konturen der pochenden Venen auf der Innenseite meines Handgelenks, meine blutenden Knöchel, die zitternden Fingerspitzen meiner Hände, überströmen wechselweise Licht und Schatten der Sonne, die durch meine Haare bricht. Ich öffne die letzten Knöpfe meiner Bluse, der Kragen weitet sich und ich atme tief die salzige Luft ein. Ich fülle meine schmerzenden Lungen voll mit der kühlen Erfrischung und schliesse meine Lippen, als könnte ich die Freiheit in meinem Brustkorb einschliessen, als könnte ich das Gefühl für immer behalten. 
Ich trete nun ganz an den Rand der Klippe vor und stosse mich vom Boden ab, breite meine Arme aus und lasse mich nach hinten fallen. Der freie Fall meines Körpers lässt mich die Freiheit aus meinen Lungen stossen. Ich lasse die Augen geschlossen, meine Haare wehen mir in das Gesicht und kitzeln mich an Wangen und Nase. 
Ich lasse alles auf der Klippe zurück. Alles ausser das Lächeln auf meinen Lippen. Das Lächeln über die Ungewissheit, was mich unten erwarten wird. Das Lächeln über meine Rückkehr in die schützenden Arme des weiten Ozeans.
Schneller als der kurze Moment eines Wimpernschlags umfängt mich das kalte Wasser. Jeder kleine Tropfen des wundervollen Nass empfängt und umschlingt meinen Körper. Jede Faser meiner Haut wird geküsst von Liebe und Heimat. Die letzten spitzen Steinchen lösen sich von meinen Füssen und werden von der Strömung weggetragen. 
Ich öffne meine Augen ganz langsam, zusammen mit meinen Lippen und meinem Herzen.
Ich spüre wie sich meine Seele mit Ruhe und Gelassenheit füllt, während ich langsam in die behütenden Arme der Tiefe sinke und mit einem Lächeln ankomme.


Zuhause.

Sonntag, 24. August 2014

Die Liebe, rosa Brille oder il bastardo

Er liebt mich. Er liebt mich nicht. Sie liebt mich. Sie liebt mich nicht.
Man kennt das Margeritenspiel. Eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass im heutigen Zeitalter der Möglichkeiten und der Wahrscheinlichkeitsrechnung, immer noch so viele Leute ihr Liebesglück an einer kleinen Blume abzulesen versuchen. Ich meine, denken die wirklich, dass die Blütenzahl einer zufällig gewählten Margerite von der Relation zweier Menschen abhängt? Jeder weiss, dass es keinen Sinn macht eine unschuldige Margerite zu rupfen und trotzdem machen es die Menschen auf dem ganzen Planeten.
Was, wenn eine Person gerade damit beschäftigt ist eine Margerite auseinander zu nehmen um herauszufinden ob die vergangene Verabredung, die schon seit drei Wochen nicht mehr schreibt und bestimmt nur die Nummer verloren hat, sich doch für sie interessiert und davon abgelenkt ihre grosse Liebe nicht bemerkt, die gerade gegenüber von ihr auf einer Parkbank Blickkontakt aufzubauen versucht.
Doch wieso machen wir es uns eigentlich so schwer? Wieso fragen wir nicht ganz einfach nach der Situation? Wieso wollen wir nicht auf die Ratschläge der Bekannten, die uns die Antworten auf all unsere Blümchenfragen geben zu können glauben?

Weil wir die Antwort bereits kennen.

Tief in unserem Inneren spüren wir es bereits, doch sind viel zu geblendet von der Möglichkeit, tatsächlich einmal das Nirvana zu erreichen. Tatsächlich einmal verliebt zu sein. Wir beginnen uns in die Liebe zu verlieben.

So beginnen wir jedes Wort des/der Angebeteten abzuwägen und versuchen zwischen den imaginären Zeilen zu lesen. Wir nehmen beliebig die Sätze auseinander und basteln sie danach, mit viel Mühe und nach allen Regeln der Kunst, wieder zusammen, wie wir sie doch eigentlich gerne hätten.
Mit diesen geklebten, zusammengetragenen, meist der Wahrheit fernen Eindrücken malen wir uns ein Bild der Situation.

Da die Gesellschaft, heute wie früher, allgemein lieber gute Nachrichten erfährt als schlechte, beginnt das Spiel mit der Hoffnung. Wir hoffen ganz fest, dass der/die Angebetete das Bild, in das wir viel Arbeit und Mühe gesteckt haben, einhält.
Um dem nachzuhelfen beginnt ein Phänomen: Wir entwickeln die überaus bemerkenswerte Gabe uns selber anzulügen.
Ich finde es faszinierend, wie jemand so geblendet sein kann, dass er, im übertragenen Sinn, tatsächlich sich selbst einreden kann, dass fünf plus zwei achtzehn gibt.

Phase "rosa Brille" wird eingeleitet.
Das Verliebtsein beginnt mit dem Nagel in der Wand des imaginären Schlafzimmers, womit wir unser wunderschön gebasteltes Bild dann in einem perfekten Rahmen aufhängen.

In den nächsten Wochen, meist sind es drei bis fünf, entwickeln sich die Personen zu siamesischen Zwillingen, die jeden Satz des anderen beenden, jeden Atemzug teilen und dem Rest der Welt auf die Nerven gehen.
 Als hätte man es ahnen können, kommt man sich dabei näher, was zur längst ersehnten Befriedigung führt, doch auch Charaktereigenschaften und Angewohnheiten des anderen ans Licht kommen lassen.

Wenn man lange auf ein farbiges Papier starrt, und man danach das Blatt mit der Realität austauscht, erscheint uns die Welt in den Komplementärfarben. Genauso ist es auch, wenn man die rosa Brille abgerissen bekommt. Man muss sich erst wieder klar werden, dass fünf plus zwei nicht achtzehn ergibt. Die nächsten Tage kann es sein, dass sich der Gemütszustand lieber Richtung Keller orientiert, anstatt auf dem vorherigen Level zu bleiben. Wenn man jedoch, trotz der offensichtlichen und jetzt auch wahrgenommenen Fehler des Anderen, sich ein zweites Mal in die Person verliebt, dessen Bild mit samt Rahmen, von Scherben umringt, auf dem imaginären Schlafzimmerboden liegt, der entpuppt sich entweder als Glückspilz des Jahres oder als Opfer irgendeines Karmas.

Denn überlegen wir mal ganz rational: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir an eben jene Person geraten sind, die sich auch ein zweites Mal in uns verliebt?


Mittwoch, 22. Januar 2014

Mister X (Tee und Gebäck)

Zu den Klängen von Vivaldi's Vier Jahreszeiten, trete ich aus dem massiven, viktorianischen Haus. Die kalte Luft dringt sogleich durch meinen schwarzen Mantel und ich ziehe die Kordeln straffer.

Kinder schreien, Mütter stürzen sich auf den neuesten Klatsch und Tratsch der Nachbarn, während sich ihre Zöglinge gegenseitig zanken und schubsen.
Das Bild, welches sich mir bietet, wirkt zu den Klängen der Musik, wie ein Tanz.

In meiner Geschichte spielt jedoch meine Desitination einen wesentlich kleineren Faktor, als mein Ausgangspunkt.

Zwölf Stunden vor Jetztzeit.

Ich sitze alleine, auf einer Bank, im Irchelpark von Zürich. 
Ein Paar drängt sich neben mich auf die Sitzgelegenheit und beginnt die Wäschemarken des Gegenübers zu erraten, als würde ihr Leben davon abhängen.
Stört mich nicht.
Vivaldi's Sommer und ein Croissant haben bereits meine volle Aufmerksamkeit ergattert.

Ich beobachte die Menschenmasse die an mir vorbeizieht. Die vielen Gesichter, eins nach dem anderen.
Alle waren vollauf damit beschäftigt, in Mobiltelefone zu brüllen oder sich eine Kippe  an der anderen anzuzünden, während sie offensichtich, auf jemanden warten.

Keiner nimmt mich wahr.
Keiner, bis auf einen kleinen Jungen, der mich von Kopf bis Fuss mustert.
Ich wende meinen Blick ab, als er anfängt, mit seinem Zeigefinger, auf mich zu deuten und damit seine Mutter in Verlegenheit bringt.

Ein älterer Herr, ich schätze ihn auf fünfundsiebzig, tritt in mein Blickfeld und fällt, wenige Meter vor mir, auf die Knie.
Sofort lasse ich meine Verpflegung auf die Bank fallen und eile zu ihm.
Ich helfe ihm auf die zittrigen Beine.
Peinlich berührt bedankt er sich bei mir.
Ich will gerade wieder gehen, da packt er mich am Arm und dreht mich wieder zu sich um. 
Mit einem weiteren Dank, drückt er mir eine Karte in die Hand. Er lädt mich zum Nachmittagstee ein.
Ein wenig verwirrt sehe ich ihm nach und stecke mir die Karte in meine Jackentasche.

Pünktlich, fünf Minuten zu spät, hält mein Taxi, vor einem pompösen Haus, ein wenig ausserhalb der Stadt Zürich.

Ich bezahle den Fahrer und steige aus dem Fahrzeug, welches gleich wieder wegfährt.

Während ich, durch ein grosses Tor, näher an das Gebäude trete, nehme ich erst die enormen Ausmassen war. Ein Ost- und ein Westflügel, ein riesiger Brunnen und ein weitläufiger Garten, welcher, hinter dem Haus noch weiter verläuft, zieren das Grundstück.

Ich reisse meinen Blick los, und gehe die letzten Schritte zur Tür, wo ich, an einer langen Kordel, die altmodische Glocke, zum Erklingen bringe.

Ein Butler mitte Vierzig öffnet mir die Toren in ein Haus, mit hohen Räumen und jeder Menge Kunst, an den Wänden.

Der alte Mann sitzt bereits in einem, der vielen, bestickten Ohrensessel, des Salons und betrachtet, das Spiel des Feuers, im Kamin.

Ich setzte mich zu ihm und werde, sogleich mit einer Tasse heissen Tee's bedient.
Mein Gastgeber schweigt jedoch.
Ich tue es ihm gleich und betrachte ebenfalls die Flammen.

Das leise Klirren, der Tassen, die, auf die passenden Unterteller, aus Porzellan, abgestellt werden, ist das einzige Geräusch, das, während Stunden, zu hören ist.

Keine Unterhaltung, nur das Knistern des verbrennenden Holzes, zu unseren Füssen.
Ich frage mich, wieso ich hier bin.
Doch ich schweige, denn Mister X macht weder Anstalten, eine Konversation zu beginnen, noch mich anzusehen.

Nach zwei Stunden, vier Tassen, des köstlichen Tee's und sieben Holzscheite später, geleitet mich der Butler, ohne mit Mister X ein Wort gewechselt zu haben, wieder zu der schweren, geschnitzten Tür.

Mit einem festen Händedruck und der nächsten Einladung, trete ich nach draussen, an die frische Luft.

Wie aus einer anderen Welt erwacht, stolpere ich aus dem grossen Tor. 

Ich ziehe mir meine Kopfhörer wieder auf die Ohren und drücke auf Play.
Der Sommer endet gerade und der Herbst bricht an.


Ich werde Mister X wieder besuchen.
Mister X, der nie ein weiteres Wort mit mir wechseln wird.
Mister X, der mir, Besuch für Besuch, die Zeit geben wird, um nachzudenken.

Mister X, der weise Mann, der errötet, wenn man ihn wahrnimmt.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Mister X (Eine Erinnerung an Vergessenes)

Die feucht-heisse Luft in meinen Lungen, gemischt mit dem betäubenden Gefühl, der Ekstase, bewegt sich jedes Glied, meines bereits schmerzenden Körpers, im Takt zur Musik. 
Der grosse Andrang der Menschenmasse und die Einflüsse meines letzten Getränkes, lassen mich eingeengt und fliegend zur gleichen Zeit fühlen.

Ich strecke mich und lasse meinen Kopf in den Nacken fallen, um die kühlenden Tropfen, des leichten Sommerregens, auf meiner Haut, zu spüren. 

Die jungen Leute um mich herum sind mir unbekannt. Ich kenne niemanden. Das ist gut, denn ich möchte selbst nicht gekannt werden. Ich möchte mich nicht unterhalten. Ein Aussenstehender würde mich nicht ansprechen. Selbst wenn, ich würde mich nicht darum kümmern.

Ich lasse meine Gedanken im Leerlauf. Ich schliesse die Augen und lasse mich einfach sein. Ich bin einfach. Ich denke nicht. Ich träume nicht.

Die Lichter blenden mir ins Gesicht und meine Pupillen verengen sich, trotz der geschlossenen Augen. 
Ein Regentropfen rollt mir über die rechte Wange, die Lichter gehen aus.

Ich öffne meine Augen. Meine Lider fühlen sich schwer an, als wäre ich aus einem tiefen Schlaf geweckt worden. 

Eine neue Melodie erklingt.

Die Scheinwerfer leuchten, mit der Intensität eines Blitzes, auf und da sehe ich ihn.

Er muss mich schon eine ganze Weile beobachtet haben, denn er lächelt. Ohne seinen Mund genau ausmachen zu können, bin ich mir sicher, dass er lächelt. 

Der Bass setzt ein.

Ich bemerke nicht, dass ich mich, seit den ersten Klängen, des neuen Liedes, nicht mehr bewegt habe. 
Ich stehe mitten in der Masse. 
Mein Schleier der Unsichtbarkeit war wie eine Blase um mich herum geplatzt. Ich werde wachgerüttelt, mit dem lautesten Geräusch, das es auf der Erde gibt. 
Die Stille.

Ich drehe mich Mister X wieder zu. 
Da ist niemand. Nur die unbekannten Leute, die ich mir selbst ausgesucht habe.

Vorsichtig versuche ich mich aus dem Gedränge zu befreien, das mir plötzlich zu dicht erscheint. Ellenbögen stossen mir in die Rippen. Immer wieder stolpere ich auf dem unebenen Boden, doch die Masse verhindert die Stürze.
Befreit aus dem Haufen schreiender und windender Körper, atme ich tief die Nachtluft ein. Ich fülle meine Lungen mit der belebenden Frische, als hätte ich seit Stunden nicht mehr geatmet.

Es regnet nicht mehr. 
Ich beginne zu frieren.
Mit dem Gefühl des Blickes von Mister X im Nacken und meinen Armen fest um meinem zitternden Körper, mache ich mich auf den Weg.