Das Rauschen des Meeres unter meinen Füssen, hallt die steilen Klippen hoch zu meinen kalten Ohren. Der frische Wind weht mir meine dunkelblonden Locken ins Gesicht, meine weisse Bluse flattert im Wind. Wie in Zeitlupe berührt der Stoff meine Haut und verlässt ihn wieder, wie ein flüchtiger Kuss. Auf meinen nackten Armen kriecht mir die Gänsehaut, über den Rücken, zu meinem Hals und lässt mich jeden Luftzug wahrnehmen. Meine Wangen sind gerötet, mein Atem geht schnell, als wäre ich gerannt und nur kurz stehen geblieben, weil ich mich verirrt hatte. Seemöwen kreisen über meinem Kopf und segeln, singend zu ihrer eigenen Melodie, geschickt dem weissen Gestein hinunter, um auf der Kuppe des Leuchtturms zu landen. Der Leuchtturm, wie er Jahr um Jahr, Sturm um Sturm, Woge um Woge trotzt und den Seefahrern den Weg weist. Der massive, rot-weisse Turm, der mit seinem kreisenden Licht jede Geschichte für einen Sekundenbruchteil aufleuchten lässt.
Ich spüre jeden Stein unter meinen Füssen, wie ich an der Klippe stehe und meinen Körper ausbalanciere, den es förmlich in die Tiefe zu ziehen scheint. Ein kleines Stück des Bodens unter meinem rechten Fuss bröckelt ab und ich rette mich mit einem Satz nach links. Ruhig beobachte ich wie die Steine an der Felswand abprallen und in die Tiefe stürzen, ganz klein, kann ich erkennen, wie die Wellen den kleinen, wehrlosen Teil der strotzenden, mächtigen Klippe verschlingen und an den Felsen zermahlen.
Mein Atem wird langsamer. Eine tiefe Ruhe breitet sich in meinem Körper aus und lässt mich lächelnd in die Tiefe blicken. Die wärmende Sonne bricht durch die dichten Wolken, strahlt mit ganzer Kraft ihre leuchtenden Strähnen auf meinen Rücken. Meine Gänsehaut verfliegt in dem Moment, als ich das Spiel von Licht und Schatten auf meinen Händerücken betrachte, wie sie gekommen war. Die Konturen der pochenden Venen auf der Innenseite meines Handgelenks, meine blutenden Knöchel, die zitternden Fingerspitzen meiner Hände, überströmen wechselweise Licht und Schatten der Sonne, die durch meine Haare bricht. Ich öffne die letzten Knöpfe meiner Bluse, der Kragen weitet sich und ich atme tief die salzige Luft ein. Ich fülle meine schmerzenden Lungen voll mit der kühlen Erfrischung und schliesse meine Lippen, als könnte ich die Freiheit in meinem Brustkorb einschliessen, als könnte ich das Gefühl für immer behalten.
Ich trete nun ganz an den Rand der Klippe vor und stosse mich vom Boden ab, breite meine Arme aus und lasse mich nach hinten fallen. Der freie Fall meines Körpers lässt mich die Freiheit aus meinen Lungen stossen. Ich lasse die Augen geschlossen, meine Haare wehen mir in das Gesicht und kitzeln mich an Wangen und Nase.
Ich lasse alles auf der Klippe zurück. Alles ausser das Lächeln auf meinen Lippen. Das Lächeln über die Ungewissheit, was mich unten erwarten wird. Das Lächeln über meine Rückkehr in die schützenden Arme des weiten Ozeans.
Schneller als der kurze Moment eines Wimpernschlags umfängt mich das kalte Wasser. Jeder kleine Tropfen des wundervollen Nass empfängt und umschlingt meinen Körper. Jede Faser meiner Haut wird geküsst von Liebe und Heimat. Die letzten spitzen Steinchen lösen sich von meinen Füssen und werden von der Strömung weggetragen.
Ich öffne meine Augen ganz langsam, zusammen mit meinen Lippen und meinem Herzen.
Ich spüre wie sich meine Seele mit Ruhe und Gelassenheit füllt, während ich langsam in die behütenden Arme der Tiefe sinke und mit einem Lächeln ankomme.
Zuhause.
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