Mittwoch, 24. Juni 2015

Eine Abrechnung (Die SBB und du)

Dein Kopf dröhnt, als du in den Schnellzug einsteigst.
Genervt blickst du dich im überfüllten Abteil um und findest schließlich, nachdem du dir gedanklich eine Notiz gemacht hast, die SBB zu verklagen, einen Platz gegenüber eines dicklichen Rucksacktouristen, eingeklemmt zwischen der Zugwand und einer Schwangeren, mitsamt Kleinkind auf dem Schoss.
Die Luft ist stickig und ein Schweißtropfen rinnt dir die Stirn hinab und landet auf deinen abgenutzten Jeans von vorgestern.
Den Höhepunkt deiner Übelkeit erreichst du, als dein reizendes Gegenüber ein belegtes Brot mit Käse aus einer Plastikfolie wickelt, dessen Verfallsdatum du, dem Geruch nach, auf den Tag schätzt, als deine Hosen noch keine Löcher hatten.
Mit bemerkenswerter Selbstbeherrschung schluckst du dein noch nicht Erbrochenes, mit dem Versprechen auf baldige, intimere Befreiung, hinunter und wendest deinen Blick von dem grazilen Geschöpf bei der Raubtierfütterung ab und richtest deine Aufmerksamkeit auf die blütenbestückten Sträucher, die an dir vorbeiziehen.
Deine Gedanken schweifen ab zur vergangenen Nacht.
Sie versuchen es zumindest, denn es fällt dir schwer aus den verschwommenen Schnappschüssen ein klares Bild zu erkennen und du gibst auf.
Es kümmert dich schon lange nicht mehr, dass du die Lücken in deinem Gedächtnis nicht füllen kannst.
Meist ist es dir die Mühe nicht mal mehr wert.
Du hattest schon beinahe die Chance einzunicken, doch das kleine Kind, mit den blonden Locken, auf dem Schoss deines persönlichen, hormongeschwängerten Schraubstocks, beginnt lauthals mit Klageliedern aus verfremdeten, fernen Ländern.
Kinder. Wie du sie liebst.
Die Chancen auf eine Flucht schätzt du gering ein, denn du fühlst dich wie der abgelaufene Käse aus der übel riechenden Mahlzeit des Wanderers und versuchst deine, durch pochende Kopfschmerzen verursachte Aggressivität zu bändigen.
Der Speisewagen rettet, sehr zu deiner Überraschung, deine Situation, denn die Mutter, welche genauso verzweifelt mit der Situation scheint, wie du, hofft auf eine Besänftigung ihres Schreihalses durch Nahrungsaufnahme und kauft eine kleine Packung Pistaziennüsse.
Du entscheidest dich gegen deine Prinzipien, an die Bahngesellschaft auch nur einen Franken mehr zu verschwenden, als unbedingt nötig und entscheidest dich, nach kurzem Zögern, für einen wässrigen Kaffee.
Dein bärtiges Gegenüber, das offensichtlich auch die Nerven zu verlieren drohte, stellte sich als nützlich heraus, denn er wechselt seinen Platz mit seinem Rucksack und beginnt, nun gegenüber der Frau ein Klatschspiel mit dem akustischen Störefried.
Du steckst deine Nase in den Becher mit Kaffee und sogar der unangenehme Geruch beginnt sich aus deinem Riechkolben zu verflüchtigen.
Ein kurzer Blick auf deine Casio Uhr, um die dich jeder Hipster beneidet, verrät dir, dass es sich nur noch um Stunden handeln könne, bis du in die Freiheit gelangst, da passiert, was zwangsläufig geschehen musste und du beginnst zu fluchen.
Das Kind schlug dir den Kaffee aus den Händen in dein Gesicht und über dein Lieblingsshirt von Nazareth.
Die Mutter beginnt bereits, nach etlichen Entschuldigungen, mit einer roten Serviette, die noch feuchten Flecken zu entfernen und reibt, in ihrer Liebesmüh, noch rote Papierfusseln in den Stoff.
Du ignorierst das Zupfen und Rubbeln an deinem Oberteil, stehst auf und steigst die Treppe hinunter vor die Schiebetür, an welcher einem in hundert Sprachen erklärt wird, dass man sich nicht anlehnen soll und tust es trotzdem.
Der Zug hält an. Du hast keine Ahnung wo du bist, doch die Tür öffnet sich mit einem lauten Zischen, du stolperst hinaus und übergibst dich auf Gleis vier.