Meine Haare wehen mir in mein Gesicht, als der Zug auf Gleis sechzehn einfährt und mit quietschenden Bremsen zum stillstand gelangt. Einzelne Strähnen verfangen sich in meinen Wimpern und ich nehme die Welt durch einen leicht goldenen Schimmer wahr. Ich gehe mitten in einer Menschenmenge. Die Leute drücken sich an mir vorbei, es ist laut, es ist heiss. Hunderte von Gesichter ziehen durch mein Blickfeld, tausende Punkte fixierend, keiner davon bin ich. Zu meiner Rechten umarmen sich zwei Frauen in den Zwanzigern stürmisch. Ich trete einen Schritt beiseite, von ihnen weg, ich möchte die Szenerie nicht stören. Der Duft von frischem Kaffee und Düngungsmittel, der Schnittblumen zu meiner Linken, lässt mich meine Aufmerksamkeit von der grossen Uhr ablenken, deren Sekundenzeiger seit über fünf Minuten auf der Zwölf steht. Er wird auch noch die nächste Stunde seine Position unverändert lassen. Die Verkäuferin des Blumenstandes versucht gerade, mit Hilfe ihrer weiblichen Reize, einem Mann mitte vierzig, welcher offensichtlich verheiratet ist, Blumen für seine Frau zu verkaufen. Ich lächle über die Ironie der Verkaufsstrategie der jungen Frau. Der Mann, abgelenkt von einem weiten Ausschnitt, greift zu seiner Brieftasche und kauft ein Dutzend Rosen, zu sechsundvierzig Franken, für fünfzig. Der Mann entfernt sich, die Frau lässt seine Visitenkarte unauffällig in den dezenten Abfalleimer gleiten.
Ein junges Paar, ihrer Kleidung und Taschen nach Studenten, stellt sich vor mich und beginnt, nach allen Regeln der Kunst, die Anzahl Zähne eines Homo Sapiens zu erforschen, ich beachte sie nicht weiter und stelle meinen Blick wieder auf eine entferntere Ebene scharf.
Ich entdecke Mister X von weitem, bleibe jedoch stehen und beobachte, wie er zum vereinbarten Treffpunkt geht. Seine immer präsente Kapuze über den dichten Haaren, ein Kaffee in seiner Linken, sein Skateboard in der Rechten, bleibt er ein Paar Schritte vor mir stehen.
Für einen kurzen Moment verharre ich noch in meiner Nische.
Mister X, der mich ins kalte Wasser gestürzt hatte, der mich mit seinem Charakter von Anfang an faszinierte. Mister X, der nicht wusste, dass Grönland existiert, der sich an kleinen Dingen erfreuen kann, die den meisten Leuten nicht einmal auffallen. Mister X, der mir meinen Verstand rauben konnte und mich gleichzeitig zum Nachdenken inspirierte. Mister X, ich trete einen Schritt vor, der mir zuhörte und mich zu verstehen schien. Mister X, der meinte ich sei, trotz meiner offenen Art, ein unlösbares Rätsel. Mister X, der keine Ahnung hat, welche Wirkung er auf mich und andere Personen hat.
Mister X, der nun genau vor mir steht und nur einen Blick über seine Schulter werfen müsste, um mich zu sehen.
Ein Teil von mir möchte sich wieder umdrehen, in Deckung gehen, sich verstecken doch meine Neugierde begleitet von Faszination, ziehen mich instinktiv in seine Richtung.
Ich stehe vor ihm. Er lächelt.
Mister X, der mich verführt, indem er sich selbst ist.
Mister X, dem diese Bezeichnung nicht würdig ist.
Mister X, der nicht spielt, seine Karten nicht verdeckt, nicht zinkt.
Mister X, dessen Blick an diesem Ort nichts fixiert, nichts sucht, sondern findet.