Dienstag, 10. Dezember 2013

Das Leben

Die feine Teetasse in der rechten, zitternden Hand, streift mein Blick über den verwilderten Garten, vor meinem Haus.
Der warme Wind weht mir meine, immernoch dichten, weissen Locken in mein müdes, altes Gesicht. Die Falten, die sich über die Jahrzehnte auf meiner Haut gebildet hatten, wirken wie eine Landkarte, der gefühlten Emotionen, meines Lebens.

Wie ein schwacher Geist, sehe ich mich selbst, in diesem Garten. Wie meine Füsse durch die wilden Gräser streifen und die Sonne auf meine weisse Haut strahlt.

Ich senke den Blick und nehme einen kleinen Schluck des heissen Tees.
Früher hatte ich Tee nicht gemocht. Ich wollte mir nie die Zeit, die so kostbar zu sein schien, nehmen, um mein Leben, nur schon für ein paar Minuten, anzuhalten.
Der Duft, der frisch aufgebrühten Pfefferminze steigt mir in die Nase und ich schliesse, mit langsamen Lidern, meine Augen.

"Komm!" Ich vernehme meine eigene, jugendliche Stimme. Vor meinem inneren Auge nehme ich die Szenerie wahr. Ich war siebzehn. Ich sehe, wie ich mich, mit einem Lächeln, welches vor Glück und Lebensfreude, nur so strahlt, im Kreis drehe. Meine blonden, leuchtenden Locken wirbeln mir um das Gesicht, mit meinen roten Lippen und Wangen.

Ein junger Mann tritt in das Blickfeld. Sein breiter Rücken und die dichten, dunklen Haare, lassen mich lächelnd erinnern.
Mein bester Freund.

"Du bist so lahm! Komm schon! Sei fröhlich!" Ich drehe mich immer weiter im Kreis, mit ausgestreckten Armen, als wolle ich die ganze Welt umarmen.
Mit einem belustigten Lächeln folgt er mir. Mein Freund. Mein treuer Begleiter.

Seine ruhige, gelassene Ausstrahlung gab mir das Gefühl von undurchdringbarer Sicherheit.
Ich wusste, egal wie schnell ich mich zu drehen beginne, wenn ich falle, ist er da und fängt mich auf.

Es gab nichts, was ich ihm nicht hätte erzählen können. 
Er war nicht der beste Ratgeber. Doch ich wollte keinen Rat. Ich wollte alle Fehler machen. Ich wollte nur, dass mir jemand zuhört.
Er hörte mir immer zu. 
Er war immer für mich da.

Auch wenn ich weinte und keinen Ausweg sah. Auch wenn ich mich in meinem Bett verkroch. 
Er war da.
Er wollte mich nicht nach draussen zerren. 
Er legte sich neben mich und hörte zu. Bis ich einschlief.

Noch heute schüttel ich lächelnd den Kopf darüber, wie er es wohl geschafft haben musste, sich unter meinem Körper hervorzuziehen, ohne mich je dabei geweckt zu haben.

Sachte öffne ich meine, von Tränen verklebten, Augen. Ich weine nicht der Vergangenheit nach, denn ich bin glücklich. 
Glücklich, keinen Moment verschenkt zu haben und nicht bereuen zu müssen. Glücklich, gelebt zu haben. Glücklich, geliebt zu haben.

Und er hatte Recht. Jeder Tag ist neu und bereit, wundervolle Abenteuer zu bescheren.

Denn mein bester Freund hat mir gelehrt: Glücklich zu sein ist das Ziel und der Lebensweg führt uns, immer wieder aufs Neue, dahin. 
Im Prinzip müssen wir nur lernen, vorwärts zu laufen und ab und zu einen Blick über die Schulter zu werfen. 
Nicht umgekehrt.

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