Mittwoch, 18. September 2013

Eine Frage der Ehre

Jedes Mal wenn ich X sehe, bleibe ich einen kurzen Moment stehen. Ich bleibe stehen vor Ehrfurcht, vor Bewunderung.
Vor Respekt.
Ich beschäftige mich schon seit langer Zeit mit der Geschichte und deren Hintergründe, von X und ziehe den Hut vor so viel Kraft, Weisheit und Mut.

X stand mir mal sehe nahe.
Wir lachten, weinten, feierten Erfolge, stritten, umarmten uns, teilten unser Wissen und Erfahrungen.

Als ich noch jünger war, naiv durch das Leben ging, sah ich keinen Makel an X. Keine Fehler, keine unüberlegten Äusserungen und kein Nachlassen in Wissen und Kraft.
Ich war blind und beeindruckt.
Ich wollte so werden wie X.
Ich wollte Weisheit und Stolz mit dieser Dezentheit ausstrahlen, welche nur X zu beherrschen wusste.

Ich wuchs mit einem Idol auf, um das mich jeder beneidete.
Ich lernte von X das Leben zu geniessen, es zu hinterfragen, zu verschwenden.
Ich lernte zu siegen.
Ich lernte zu verlieren.
Ich lernte zu verändern.
Ich lernte zu akzeptieren.
Von X lernte ich zu lernen.

Der Wendepunkt kam 2007.
Mein bisheriges Leben wurde sureal.
Mein aktuelles Dasein wurde aus den Bahnen geworfen und meine Zukunft verschwomm in meinen Tränen, als ich die schweren Glastüren öffnete und in die, nach Reinigungsmittel riechende, Klinik trat.

Ich rannte zur Anmelde und verlangte nach der Zimmernummer von X.
Ein Pfleger begleitete mich zu der Tür, welche er, mit seiner Chipkarte, entriegelte.
Das Surren des Schlosses dröhnte in meinem Kopf, gemischt mit meinem schnellen Atem und der aufsteigenden Übelkeit in meinem Magen.

Im Zimmer war es ruhig, kahl und geradezu verschreckend weiss.

Ich fand X auf dem Bett sitzend vor. Mit verschränkten Armen, fahler gräulicher Haut und tiefliegenden matten Augen.

X war nicht traurig. X weinte auch nicht, als ich eintrat. 
X schwieg.
X war emotionslos

X war vollgepumpt mit Medikamenten.

Tag für Tag, Besuch für Besuch, vergass X immer mehr. Anfangs waren es kleine Details wie Daten, nach Monaten waren es Fakten und Namen.

Ich konnte X nicht mehr ansehen. All das Feuer und Wissen war aus den früher so klugen und lebendigen Augen gewichen.

Mit der Verzweiflung kam die Wut. Eine schreckliche, frustrierte Wut gegenüber jenen, welche zugelassen haben, dass man so etwas mit einer, von mir so sehr geliebten Person geschehen lassen liess.
Ich wollte die Ärzte wachrütteln. Ich wollte den Menschen zeigen, was sie angestellt haben. Ich konnte nicht mehr mitansehen, wie man den Respekt vor X verlor.

Die Leute vergassen X. X war nicht mehr mit Würde zu begegnen. X starb, Sekunde um Sekunde, an der inneren Leere, welche durch Abschottung und Eintönigkeit, die, früher so lodernde, Flamme im Funken erstickte.

X, der Löwe, den man in ein Käfig gesperrt hatte, bis er vergass, bis er verkümmerte, bis er aufgab.

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