Dienstag, 11. Juni 2013

Inspiration

Inspiration ist überall. Überall wo wir nicht danach suchen. Inspiration wird nicht, sie ist.

Jeder Mensch braucht sie, die Inspiration. Bei manchen ist das ein Buch oder ein Film. Bei mir sind es Reisen in andere Länder.
In meinem Leben durfte ich schon viele, verschiedene Kulturen kennenlernen. Auf exotischen Inseln, inmitten Amerikas, in der eisigen Kälte von Alaska, bis hin zum feurigen Temperament der Süd-Staaten.
Wenn ich in die Ferien fahre, gibt es zwei verschiedene Arten, wie ich mich gegenüber dem Land verhalte. Ich versuche die Kultur durch ihre Eingeborenen zu begreifen.
Am Tag verhalte ich mich unauffällig. Ich mache Fotos und sehe von aussen aus, wie ein typischer Tourist. Auf meinen Fotografien sind jedoch keine Sehenswürdigkeiten zu sehen. Zumindest nicht für Betrachter, die kein Auge für Details haben. Ich brauche keine Bilder von Wahrzeichen, Statuen oder berühmten Gebäuden, da kann ich mir auch eine Postkarte kaufen. Mit meiner Kamera halte ich Momente fest. Momente, wie ein altes spanisches Paar, das sich, auf einem weissen Brunnen, noch nach vielen Jahren, anlächelt. Bilder von Familien in ihrem Alltag, der auf den ersten Blick ähnlich aussieht wie unserer, doch mit anderen Gestiken und Rangordnungen geschmückt wird.
Die Kunst der Fotografie liegt nicht am Licht oder wie gross das Objektiv ist, sie liegt im Timing.
Wieder zurück im Hotel beginnt, bei Abenddämmerung, der zweite Akt. 
Dieses Mal geht es nicht darum unsichtbar zu sein, es geht darum in der Menschenmenge verschwinden zu können. 
Unsichtbar oder nicht, ist nicht von Aussenstehenden zu beurteilen. Für einen Touristen falle ich tagsüber bestimmt auf. Doch für die Einheimischen ist man etwa so interessant wie eine Küchenschabe. Man wird unsichtbar, was für meine Fotografie sehr von Vorteil ist. 
In der Menge unterzugehen ist je nach Kultur schwieriger. 
Ich war in einer kleinen Stadt Spaniens.

Ich höre durch die dünnen Wände des Hotels, wie mein Vater langsam zu Bett geht. 
Auch ich liege im Bett. Mit starren Augen an der Decke und dem Puls in den Ohren.
Komplet angezogen lausche ich auf die letzten Geräusche aus dem Nebenzimmer und richte mich langsam auf.
Bemüht keinen Laut zu verursachen, ziehe ich das knappee, schwarze Kleid aus dem Koffer. Im Badezimmer schminke ich meine Lippen blutrot, streife mir die Seide über den Körper und laufe, mit den hohen Schuhen in der Linken, zur Tür.
Als ins Freie trete schärfen sich, auf einen Schlag, alle meine Sinne.
Um eine unbekannte Stadt, bei Nacht, zu erkunden, braucht man alles, ausser das Sehvermögen.
Ich gehe ein paar Schritte auf die Strasse zu und schliesse die Augen, um mich auf Geräusche und Düfte zu konzentrieren.
Die leise Musik, die zu mir durchdringt und der Duft nach Ekstase, zieht mich förmlich in eine Nebenstrasse.
Aus den offenen Fenstern dringen Kindergeschrei und leise Musik. 
Die Melodie, der ich folge, wird immer lauter und deutlicher, mit jedem Schritt, den ich auf dem, noch heissen, Asphalt gehe.
Dunkle Gestalten drängen sich, auf der schmalen Strasse, an mir vorbei. Der Geruch nach Schweiss und Bier, vermischt mit Abgasen, begleitet mich bis zu einem kleinen, mit bunten Glühbirnen geschmückten Marktplatz.
Die Musik ist nun so laut, dass ich meine eigenen Schritte nicht mehr hören kann.
Das Spektakel, welches sich vor meinen Augen abspielt, raubt mir, für den ersten Moment, den Atem.
Ein halbes Dutzend Paare drehen und winden sich, im Takt der Musik, welche von Zigarren paffenden, alten Männern, gespielt wird.
Das Schauspiel wirkt so vollkommen, dass ich vergesse, wo ich mich befand oder wer ich bin.
Dementsprechend zu Tode erschrecke ich, als mich ein junger, spanischer Mann, an der Hand, zu den anderen zieht.
Ich kenne den Tanz nicht, ich kenne die Leute nicht, ich kenne meinen Partner nicht und ich kann kein Wort spanisch. Meine Füsse und Arme bewegen sich von alleine.
Mein Herz schlägt im Rhytmus. 
Ich fühle keine Müdigkeit, ich habe keine Angst, ich verfalle in ein Delirium, welches ich noch nie zuvor erfahren hatte. 
Eine Nacht im Juni.
Die Nacht der weissen Blüten.

Die Kultur eines Volkes ist wie ein Buch mit sieben Siegel. 
Vollkommen, rein, atemberaubend. Unantastbar.

2 Kommentare:

  1. Liebe Lucie
    zunächst, ist diese begebenheit tatsächlich passiert, oder denkst du dir das nur aus? was mich interessieren würde ist, ob deine Fotografie spannend ist, oder ob sie einfach auf einem Memorystick bei dir Zuhause vorsichhin vegetiert. Denn Fotografie finded sich auch im Auge des Betrachters wieder. Ein Fotograf der sein Bild nicht sieht, wird es nicht machen. Mir scheint du hast ein Auge für die unscheinbaren, aber doch wichtigen Dinge die dir auf deinen Reisen begegnen. Was ist der unterschied zwischen unsichtbar sein und in der Menschenenmenge verschwinden zu können? Ist es die betonung auf können? Ist es höflich oder ethisch vertretbar, einfach so Fotos von wildfremden Menschen bei ihren altäglichen Situationen zu machen? oder kann man sagen, dass die Situation auf dem Bild an sich mehr Relevants hat als die Menschen darauf? wie würde es dir gefallen wenn dich Touristen auf dem Weg in die Schule fotografieren? es wäre dir egal. du merkst es nicht. Touristen sind eine Grosse Menge die in sich selbst verschwinden. Küchenschaben eben. Deshalb finde ich den zweiten Akt deiner "erkundungsreisen" so interessant. die möglichkeit aufzutauchen wann immer es möglich ist, jedoch genau so schnell wieder abzutauchen wann immer es nötig ist. obwohl ich mir schwer vorstellen kann wie ein junges weisses Mädchen mit Blutroten lippen einfach mal so auf die schnelle abtauchen kann. Aber in dieser Situation lernst du die wahre Seite des Landes kennen und nicht nur ihre Touristenmaske. Ist das wirklich deine Inspiration Texte zu schreiben? solche und andere. oder befinded sich villeicht deine/die inspiration in noch vielen, vielen anderen Dingen?
    Noch etwas Lucie: was hat es mit den sieben Siegeln auf sich?
    Gruss :)

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    1. Sehr geehrter Herr, Von und Zu Unbekannt

      Als Erstes bedanke ich mich mal. Nicht für Ihre Email, obwohl sie mich auch gefreut hat, auch nicht dafür, dass Sie meinen Blog lesen, sondern dafür, dass Sie denken. Es ist schön zu wissen, dass meine Texte gelesen werden. Doch das kann jeder. Sie machen sich Gedanken darüber, was ich schreibe und zwischen den Zeilen vermitteln möchte.

      Auf Ihre erste Frage kann ich mich leider nur wage äussern. -Ja, die Texte sind real, im Kern. Jedoch bin ich ein sehr paranoider Mensch und ändere gerne mal die Fakten, um mich zu schützen. Oder auch nicht? Ja? Nein? Vielleicht? Man weiss es nicht.

      Ihre Frage zu meiner Fotographie, beantworte ich Ihnen gerne, jedoch mit einer Gegenfrage: Ab wann ist ein Bild interessant? Bei viel Emotionen? Bei einem Schnappschuss unter Freunden? Oder bei dargestellter Faszination?
      Denken Sie über diese Fragen mal nach.

      Der Unterschied, zwischen Unsichtbarkeit und das Geschick, in der Menge verschwinden zu können, ist einfach. Einfach komplex.
      Wie wird man in einer Menge unsichtbar? Unsichtbarkeit hat nicht sehr viel mit Kleidung zu tun. Unsichtbar wird man, wenn man sich der gegebenen Situation entzieht, wenn man die Menschen um sich dazu bringen kann, einen zu übersehen. Am Anfang kann das recht schwierig sein, doch mit der Zeit gewinnt man ein gewisses Gefühl für die Aufmerksamkeitsspannen der Leute.
      In der Menge zu verschwinden hat wiederum viel mit Kleidung zu tun. Die Kleidung und Körperhaltung sind das A und O. Wenn man, mit der Zeit, ein wenig Übung bekommt, kann man sich innerhalb von zwei Sekunden verwandeln. Dazu braucht man jedoch geschickte Hände und tonnenweise Konzentration.

      Auf die nächste Frage gibt es eine klare Antwort: Es ist mir egal. Und ja, es geht um die Situationen, die Momente, in denen ich das Foto schiesse. Mich interessieren Menschen nicht. Nur ihre Verhaltensweisen.

      Zu Ihrer Aussage, Sie könnten sich nicht vorstellen, wie ein Mädchen wie ich untertauchen kann. Haben Sie mich je gesehen? Nein? Sehen Sie, es funktioniert doch.

      Reisen = meine Schreibinspiration.
      Falsch. Meine Inspiration nennt sich Mister X. (Ich verweise hiermit auf meinen ersten Eintrag)

      Die sieben Siegel. Hach ja... Das ist ein unverfälschter Fakt. So real wie Sie und ich. So echt wie keine erfundene Geschichte sein kann. Und so schön geheim.

      Mit freundlichen Grüssen

      Lucie

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