Jeder hat diesen einen Menschen. Denjenigen, den man vermisst, wenn man fort ist, dem man alles erzählt. Ich nenne diesen Menschen heute liebevoll Mister X.
Ich sitze ganz hinten im Bus nach Hause. Die Welt verschwimmt hinter dem Glas und mein Atem bildet kleine Wölkchen an der Scheibe. Müde streift mein Blick die Bäume und Wiesen, welche an mir vorbei fliegen. Zu den Klängen von Vivaldi wirkt alles unrealistisch, fast schon plastisch, wie im Film. Meine Gedanken kreisen um meinen erlebten Tag. Die vielen Begegnungen, alle der Reihe nach. Die Leute steigen ein und aus. Der Frühling endet mit den letzten Klängen und der Sommer bricht an. Auch ich steige aus und laufe, begleitet mit dem Herbst, nach Hause.
In der Küche liegt die Post, wahrscheinlich von der Putzkraft gebracht. Ich gehe meine Briefe durch und stutze bei einem besonders schön hergerichteten Umschlag.
Anstatt wie üblich zu reissen, schneide ich den Brief mit meinem Messer auf.
Das Papier ist dick und die Schrift von Hand. Gespannt fange ich an die verschnörkelten Buchstaben zu lesen.
Nach den ersten Zeilen wird mir das Herz schwer. Ich erkenne den Namen von Mister X am Schluss, schon bevor ich den Brief ganz gelesen hatte. Eine Träne rollt mir über die rechte Wange und tropft mir vom Kinn auf das Papier. Eine zweite folgt und die Schrift verschwimmt mir vor den Augen. Langsam geben meine Beine nach und ich falle in die Knie. Mein verweintes Gesicht in den Händen, sitze ich mitten in der Küche, die mir plötzlich fremd vorkommt. Mir wird übel und mich befällt das Gefühl, als kämen die Wände auf mich zu. Mein ganzer Körper verlässt sämmtliche Kraft und Gefühl. Zusammengekauert, wie ein Tier und zitternd vor Traurigkeit, bekomme ich keine Luft mehr. Ich muss hier raus. Ich fühle mich halb tot, als ich die schwere Haustür aufstosse und in den grossen Garten stolpere. Ich kann nicht mehr und meine Beine geben erneut nach. Ich weine nie. Ich habe gelernt, dass nichts mit weinen gelöst werden kann, doch ich war noch nie in meinem Leben, so getroffen von einem Gefühl, das so stark ist, dass ich nicht anders kann. Wie ein Tier, wälze ich mich auf dem Rücken über den Boden. Der Schmerz in meinem Herzen ist so gross, dass ich schreie. Ich schreie, bis mir die Stimme bricht und mir kein Ton mehr über die Lippen kommt. Mühsam richte ich mich auf, will ein paar Schritte auf das Haus zu gehen, doch die Übelkeit siegt und ich übergebe mich auf den feuchten Rasen. Mechanisch, vollkommen verlassen von Gedanken, spüle ich mir im Badezimmer den Mund aus. Nicht einmal mein Spiegelbild, wild zerzaust, mit roten Augen und blutender Lippe, kann mich zu einer Gefühlsregung bewegen. Mit den letzten Schritten erreiche ich mein Bett, falle in die Leinen und stehe, für die nächste Woche, kein einziges mal mehr auf.
Die Kirchenglocken dröhnen, kommt es mir vor, an diesem Sonntag, besonders laut. die Sonne scheint mir heiss auf den schwarzen Hut. Die anderen Angehörigen lassen, nach einem flüchtigen Blick auf den Grabstein, rote Rosen in die Grube fallen. Wieder steigen mir Tränen in die Augen, nicht vor Traurigkeit, sondern vor Wut. Keiner dieser Familie, die so scheinheilig erschienen ist, wusste dass Mister X rote Rosen gehasst hat.
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